|
Nikola Dicke macht zwar Diaprojektionen, versteht sich jedoch nicht als Fotografin, sondern als Zeichnerin, denn statt Fotografien projiziert sie Zeichnungen an die Wand. Dass heißt, sie geht handwerklich vor, nimmt selbst gezeichnete Miniaturen zum Ausgangspunkt [...] Wie ein flüchtiges, immaterielles Graffiti setzt das Licht seine Spur auf die Wände und verwandelt statische Flächen in dreidimensionale Gebilde voller Bewegung und Atmosphäre. Kreisende, schlingernde, leuchtende Linien sind das Resultat ihrer zeichnerischen Reduktion und damit einer materiellen Abwesenheit, die das Phänomen des Durchscheinens zum Gegenstand der Betrachtung macht. Es ist nicht Anliegen der Künstlerin, das Licht an sich körperlich oder dinglich wahrnehmbar zu machen (wie es häufig in der sog. "Lichtkunst" mit Lichträumen gemacht wird), sondern sich des Lichtes als einer Art Zeichenstift zu bedienen und damit zwar kleinformatig zu erschaffen, aber großformatig zu präsentieren. Nikola Dicke kreiert durch das Licht Räumlichkeit, die erfüllt ist mit einer ganz eigenen, manchmal auch eigenwilligen Zeichenstruktur. Sie formt das Licht durch diese Zeichen und gibt ihnen eine Substanz, die Licht - das ja als elektromagnetische Strahlung ein rein optisches Phänomen ist - eigentlich nicht hat. Das Licht hat aber eine enorme Kraft, indem es absolut notwendig ist, um überhaupt irgendetwas sichtbar zu machen. Das Erscheinen der Dinge ist an das Aufscheinen des Lichtes gebunden.
Licht ist immer da, sei es punktuell nachts als Sterne am Himmel, diffus durch Nebel gefiltert oder gleißend im hellen Sonnenschein. Licht kann gar als der Ursprung des Seins begriffen werden und wird dementsprechend in heidnischen wie christlichen Kulten und Traditionen als das Seiende, das Schaffende identifiziert. Platons Höhlengleichnis beweist, dass das Licht der Wahrheit entspricht, denn bei ihm ist das Wissen das Erkennen davon, wie in den Erscheinungen die hinter ihnen liegende Wahrheit repräsentiert wird. Die Begrifflichkeiten von Erscheinung, Erleuchtung, Aufscheinen oder Erstrahlen erklären den Stellenwert des Lichtes für die Wahrnehmung sowie für Schöpfung und Mythos. In der christlichen Lehre ist das Göttliche das Licht und die gotische Kathedrale ist das beste Beispiel für die metaphorische Bedeutung des Lichtes, denn hier, in diesem ersten Licht-Kunstwerk ist das Licht eine Abbildung Gottes und des Universums.
Nikola Dicke bedient sich dieses Mediums, um eigene Referenzen zum Licht zu skizzieren und gleichzeitig Raum zu lassen für Assoziationen. Für die Ausstellung des Kunstraums 28/30 hat sie an verschiedene Hauswände Zeichnungen projiziert, die das Licht auch inhaltlich thematisieren. Sie erleuchtet Wände und Mauern und lässt sie sprichwörtlich in einem anderen Licht erscheinen, sie geht aber über eine dekorative, ornamentale Ebene hinaus und beschäftigt sich mit existentiellen Lichtquellen, die aus der Gefahr leiten und mit dem romantischen Leuchten in der Nacht.
Der Titel der Ausstellung, "Laterne, Laterne", lässt unwillkürlich an das bekannte Kinderlied denken, welches nicht nur einen jahreszeitlichen Bezug erfährt, sondern auch eine Parallele in der Thematik der erleuchteten Bilder, die auf jeder Laterne, welche noch handgemacht ist, zu finden sind. Zusammen mit Sonne, Mond und Sternen leuchtet die Laterne den Weg im Dunkeln und erhellt gleichzeitig die auf ihr angebrachten Zeichnungen. Nikola Dicke hat einige Laternen extra für diese Ausstellung gestaltet, auf denen sie Motive angebracht hat, die auch in den Lichtinstallationen in Bayenthal wiederzufinden sind. So gibt es eine "Hafenlaterne", die als solche leuchtend durch die Strasse getragen werden kann, aber auch die Wandarbeiten beziehen sich zum Teil auf Hafenszenen. Im Hof der Goltsteinstraße 94, befindet sich die Wandarbeit "Sturm in den Wanten" - man mag an eisig pfeifende Winde, kalten, trommelnden Regen, scheppernde Schiffsmasten, tosende Wellen und dahinstürmende Wolken denken, und mittendrin klettert ein Seemann in den Drahtverspannungen zur Sicherung des Mastes, die Wanten heißen. In der Koblenzer Straße wird die Meeresthematik weitergeführt, hier ist auf der Wand eines Hauses der Leuchtturm von Genua zu sehen, ein weithin sichtbares Seezeichen also, das durch Lichtsignale den Schiffen den Weg durch Stürme, Gefahren und Untiefen weist, eine Navigation ermöglicht, sicher ans Ziel führt. Und so heißt die Arbeit auch "Im Hafen (von Genua)". Durch die hier angebrachte Lichtzeichnung entsteht eine Hafenmauer, eine sichere Anlegestelle, die vor Unwetter und Gefahr schützt. Mit dem Liedtext des sogenannten Paderborner Wallfahrtsliedes arbeitet die Künstlerin in der Wandarbeit "Hoch auf Deinem Throne" in der Goltsteinstraße 45. Der Titel des Liedes lautet " Meerstern, ich dich grüße", der Refrain "Maria, hilf uns allen aus dieser tiefen Not!" und das Licht, das hier angerufen wird, ist metaphorisch zu verstehen. Es ist die christliche Offenbarung im Lichte, die die Geister derer erleuchtet, welche sich zum Wahren erheben, und Maria ist die Mittlerin, die aus der Not bergen kann. Nikola Dicke hat an der engen, schluchtartig aufragenden Außenwand, an die sie projiziert, eine Mariengrotte gezeichnet. Die Muttergottes sitzt dort mit dem Kind, über ihr ist eine Art schützender Baldachin zu erkennen.
Etwas weiter die Goltsteinstraße entlang befinden sich auf der linken Straßenseite zwei hoch aufragende Ziegelwände, die im rechten Winkel zueinander stehen. An sie hat die Künstlerin wechselnde Lichtzeichnungen installiert, die sich mit einem - wenn nicht dem - romantischen Nachtmotiv verbinden: es handelt sich um die Abschiedsszene von Romeo und Julia, von der Künstlerin "Es war die Nachtigall" benannt. In Shakespear'scher Wirklichkeit war es natürlich nicht die Nachtigall, und die Dämmerung, die einsetzt, bedeutet schon das Anbrechen eines neuen Tages, auch wenn Julia das Gegenteil behauptet: der dunkle Schutz der Nacht ist aufgebraucht und das Versteck damit verloren. Das Aufscheinen des Lichtes bedeutet für die Liebenden den Aufbruch und gar eine Verbannung.
Nikola Dicke schafft es, mit einigen einfachen und gekonnten zeichnerischen Mitteln ausdrucksvolle Aussagen zu treffen und damit unsere Aufmerksamkeit trotz der Omnipräsenz flimmernder Bilder in den Medien und leuchtender Reklamelichter in den Städten zu erreichen und zu bündeln.
|