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Bei der Lichtinstallation von Nikola Dicke in der ehemaligen Synagoge Drensteinfurt handelt es sich um eine bewegte Standbildprojektion. Da sind zunächst als Ausgangsbilder zwei Dias [...] im Kleinbildformat, sozusagen die "Software". Dann gibt es da noch einige Geräte, Projektoren, Motoren und von ihnen gedrehte, etwas unförmige, mit spiegelnder Folie bespannte Reflektionskörper, die "Hardware". Der Raum wird mit Inventar und allen darin befindlichen Personen zur Bildfläche. Der Besucher also mittendrin und Teil des Bildes.
Zu sehen sind zwei in Stellung gebrachte Projektoren, bei etwas staubiger Luft deren Projektionsstrahlen, die langsam sich drehenden, Bild störenden Reflektoren und Projektionen auf dem Fußboden und an den Wänden, zum einen als Diabild statisch am Boden, zum anderen als schlierige Streiflichter langsam durch den Raum wandernd, dessen Tiefen und Untiefen auslotend. Durch wechselnde Einfallswinkel, sich mehr oder weniger verzerrend, suggerieren sie so etwas wie eine in schwingender Bewegung befindliche Unterwasserwelt, assoziieren polare Lichterscheinungen oder durchs All streifende Astralnebel. Es kommt zu einer stark veränderten Wahrnehmung des Raumes. Die Dimensionen verschieben sich, desgleichen die Stimmung und die Atmosphäre. Der Raum erweitert sich gefühlt bis ins Unendliche und verdichtet sich zugleich. Ein ehemals sakraler Raum wird wieder mit Sakralität angereichert. Es entsteht ein sakraler Raum in einem sakralen Raum. Ein sakraler Raum verliert wahrscheinlich nie ganz seine Sakralität, sie bleibt immer irgendwie präsent, aber durch diese und andere Veranstaltungen, die hier stattgefunden haben, wird sie intensiviert und deutlicher spürbar.
Alles ist aber Illusion, man sieht gar keine Streiflichter. Was man wirklich sieht ist ein Stück Wand, ein Stück Fußboden, ein Stück Fußleiste, ein Stück Fenstersprosse, ein Stück Stuhlbein, ein Stück Türrahmen, eben das, was gerade beleuchtet ist.
Dadurch, dass Nikola Dicke dem Zuschauer diese verschiedenen Wahrnehmungsebenen unterschiebt, die sich gegenseitig überlagern und durchdringen, treibt sie mit dessen Wahrnehmung ein rechtes Possenspiel. Sie spielt mit dem, was er sieht und nicht sieht, mit dem, was er sieht oder zu sehen glaubt. Die Wirklichkeit wird gebrochen durch das Projektionsbild und umgekehrt bricht sich das Projektionsbild an der Wirklichkeit. Eine Wechselwirkung, die durchaus Weltanschauung und Weltanschauen im Allgemeinen wiederspiegelt. Das Licht oder das Lichtspiel spielen in der sakralen Raumausstattung traditionell eine große Rolle. Was beeindruckt in einer Kathedrale mehr als die herrlichen farbigen Fenster, figurativ oder ornamental? Abhängig vom Einfall des Sonnenlichts füllen sie den Raum mit Farbe oder finden sich als Projektion im Kirchenraum wieder. Was sind die Kirchenfenster anderes als überdimensionale Diapositive? Oder man denke an den wabernden Schein hunderter Kerzen, der die Abendmesse mystisch auflädt. Von solcher Mystik wird natürlich auch in Nikola Dickes "Licht-Show" etwas spürbar.
Nikola Dicke konfrontiert uns in ihrer Installation mit verschiedenen Polaritäten.
Materialität - Immaterialität
Wirklichkeit - Unwirklichkeit
Gewissheit - Ungewissheit
Bodenhaftung - Schwerelosigkeit
hell - dunkel
Licht - Schatten
Sehen - Nichtsehen
Schärfen - Unschärfen
statisch - dynamisch
irdisch - himmlisch
Hardware - Software
Eine lange Reihe konträrer Positionen, zwischen denen Nikola Dicke ihr Spannungsfeld aufbaut.
"endless story", so lautet der Titel der Ausstellung. Damit ist sicher der eigentliche Bildinhalt benannt. Der auffallendste Aspekt dieser Installation ist ganz augenscheinlich die Drehbewegung, die immer wieder in sich selbst mündende, Anfang und Ende aufhebende, kreisende Abfolge. Dieses endlose, langsam sich vollziehende, immer wiederkehrende Geschehen macht Zeit deutlich spürbar. Insbesondere Langsamkeit wird hier zu einer elementaren Empfindungsqualität. Endlos und zeitlos. Damit ist man nah am Ewigkeitsgedanken und somit tief in sakraler Gedanklichkeit. In jeder Drehbewegung steckt eine Zeitkomponente, wird sie doch rechnerisch definiert durch Umdrehungen pro Sekunde, pro Minute, pro Stunde, also pro Zeiteinheit, wie überhaupt der Begriff Zeit eine Schnittstelle zwischen religiösem und säkularem Denken zu sein scheint. Diese Schnittstelle hat Nikola Dicke in ihrer Installation genau getroffen.
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