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Gezeichnet hat Nikola Dicke immer und zwar weit vor ihrem Studium an der Kunstakademie in Münster. Aber bei den Kunstprofessoren Ludmilla von Arseniew (deren Meisterschülerin Nikola Dicke 2004 wurde) und bei Michael van Ofen entwickelt und schärft sie ihre künstlerischen Bildstrategien. Beide, von Arseniew und van Ofen, verbindet sicher das Landschaftsthema und auch, dass sie in ihren Bildmotiven der phänomenologischen Wirksamkeit des Lichts nachspüren. Die Auseinandersetzung mit Licht und Schatten ist schließlich auch zentraler Bestandteil im künstlerischen Prozess von Nikola Dicke geworden.
Die Gemälde und Zeichnungen der heute in Osnabrück lebenden Künstlerin sind durch Hell-Dunkel-Kontraste charakterisiert. Allerdings kommt eine für die Künstlerin typische Besonderheit hinzu: die Radikalität, mit der Ausschnitte und Standorte aus der alltäglichen Umgebung herausgezogen und inszeniert werden. "Ich male oder zeichne nie abstrakt, sondern die Motive, die mich interessieren, kommen immer aus der Realität des Alltags. Ich ziehe schon mit diesem Blick auf Details los, wenn ich durch eine Stadt gehe oder eine Landschaft bereise. Etwas bleibt dann hängen, was mich sehr lange beschäftigt."1
Es finden sich viele Reisebilder im Oeuvre der Künstlerin: Der italienische Hafen von Genua hat die Künstlerin lange fasziniert und auch die so sonderbar in die Hügellandschaft Israels hineingeschichtete Stadt Jerusalem. Auf den Lofoten, im Nordmeer von Norwegen, hat sie gemalt, bis sie im Zwielicht nichts mehr sehen konnte. Typisch für die Künstlerin ist, dass sie ihre Zeichnungen nie mit Bleistiften, sondern mit Materialien anfertigt, mit denen man gleichmäßige schwarze Flächen erzeugen kann. Zum Teil fotografiert sie ihre Motive auch, um die Fotos als Arbeitsgrundlage für ihre Zeichnungen zu verwenden.
Ihre Motive abstrahiert Nikola Dicke in ihrer Malerei und in ihren zumeist kleinformatigen Zeichnungen bis zu einem Punkt, an dem sie unwirklich, entrückt und rätselhaft erscheinen. Nicht nur das Schwarzweiß, sondern auch die wie herangezoomt wirkenden Ausschnitte irritieren jene Vertrautheit, wie wir sie bei Tageslicht vor denselben Motiven - einem Architekturausschnitt oder einer Straßenszene beispielsweise - empfinden würden. Diese kleinen künstlerischen Kontextverschiebungen als Resultate der künstlerischen Befragung der Phänomene im Zwielicht zwischen Tag und Nacht verändert den Blick auf Vertrautes schlagartig. Die Gegenstände, Figurationen und Strukturen bekommen plötzlich eine bedeutungsschwere, rätselhafte und geheimnisvolle Ausstrahlung. Das Besondere dieses Phänomens liegt darin, das in Nikola Dickes Bildern etwas Unerwartetes aufscheint, etwas, das nicht wirklich in Erscheinung tritt aber dennoch vom Betrachter atmosphärisch wahrgenommen wird. Etwas, das man spürt, aber nicht sieht.
Nikola Dickes Bilder werfen Fragestellungen auf, die uns beschäftigen, ohne das wir Gewissheiten gewinnen können. Unwillkürlich lassen manche Motivausschnitte, die immer um den Übergang vom Licht zum Dunkel oder vom Dunkel zum Licht kreisen, an Tatortfotos denken. Die Wirkung dieser Bilder ist ambivalent; sie bewirken ein faszinierendes Kunsterlebnis, zumal der Betrachter die Bilder als "nur" ästhetisch-abstrakte Kompositionen wahrnehmen kann, aber eben auch anders, weil sie auch Gefühle von Gefahr, Bedrohung und Verstörtheit hervorrufen können. Auch haben diese Bilder etwas von Traummomenten oder von Erinnerungsbildern, die aus den tiefsten Schichten unseres Bewusstseins heraufdämmern. Die Bilder der Künstlerin führen die klare Lesbarkeit der Dinge ad absurdum.
Parallel zu ihren Zeichnungen zeigt Nikola Dicke in der Stadtgalerie Lichtprojektionen in einer breiteren raumästhetischen Syntax. 2003 hat sie "eine alte Kindergartentechnik", wie sie es nennt, für ihre Kunst entdeckt. [...] Mit dieser ebenso einfachen wie verblüffenden Methode bietet sich der Künstlerin die Möglichkeit, ihr Thema mit einfachsten Mitteln in das Medium Lichtkunst und in wandfüllende Dimensionen Indoor und Outdoor zu transferieren.
Nikola Dickes Kunst steht in einer langen Tradition von Malerei und Grafik, die mit den frühen Nachtbilder der Maler des ausgehenden 15. Jahrhunderts beginnt und mit der Hell-Dunkel-Malerei der alten italienischen und niederländischen Meister, wie zum Beispiel Caravaggio und Rembrandt oder auch den Nachtvisionen von Francisco de Goya, an die Moderne herangeführt wird. In der Gegenwartskunst findet sich diese Spur in den Visionen von Nachtbildern des Amerikaners Edward Hopper wieder.
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