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Hinrich van Hülsen, Jg. 1957, lebt als freischaffender Künstler in Osnabrück. In seiner derzeitigen Ausstellung in der Galerie an der Bocksmauer ist neben seiner Malerei auch die jüngst entstandene Grafik ausgestellt. Darunter findet sich der bislang aus 9 Blättern bestehende, in den Jahren 1992/93 konsequent entwickelte Zyklus "Es ist nicht geheuer auf der Welt".
In Vorbereitung seiner Ausstellung zu den künstlerischen Anregungen befragt, erläuterte van Hülsen: Ihn habe immer besonders die von Innenerfahrungen ausgehende schöpferische Leistung beeindruckt. Und er beschreibt einen Bogen, der sich von den Bildern des an der Vernunft des Menschen zweifelnden Hieronymus Bosch (um 1450-1515) über Symbolisten wie James Ensor (1860-1949), den Surrealisten Max Ernst (1891-1976), Rene Magritte (1898-1967) und Fabrizio Clerici (geb. 1915) bishin zu den Meistern der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, z.B. Rudolf Hausner (geb. 1914) und Ernst Fuchs (geb. 1930) spannt. Auch sein Interesse für die phantastische Literatur Edgar Allan Poes (1809-1849) und Howard Phillips Lovecraft (1890-1936) spielt in seine Bilder hinein.
Er malt von Jugend an. Diejenigen, die sich für seine Entwicklung interessiert haben, werden insbesondere die Arbeitsphase (1985-1987), aus der oftmals Bilder sarkastisch-polemischen Inhalts hervorgingen, wie z.B. das 1985 entstandende Ölgemälde "Tierfreundin im Wolfspelz" (vgl. 259 Kunst in der Kulturregion Osnabrück, Teil 1, Osnabrück 1988, Abb. S. 151) kennen. Inzwischen hat Hinrich van Hülsen sich davon aber zugunsten einer künstlerischen Konzeption, die immer komplexere Bildformen und Inhalte entwickelt und den schwebenden Zustand von Wirklichkeit darzustellen sucht, gelöst. Sein zeitkritischer Grafikzyklus "Es ist nicht geheuer auf der Welt" verbirgt seine tiefere Aussage grundsätzlich hinter Mustern und Symbolen, die der diffizilen Emblematik der Phantastischen Kunst nahestehen. Diese Arbeit van Hülsens ist nicht zuletzt durch den Schock der ungeheuren Brutalität, mit der der Mensch seine Umwelt und damit letztlich sich selbst zerstört, ausgelöst worden. "Der Mensch ist im Begriff, die gesamte Erde und die einst stabile Biosphäre zu vergiften, ohne sich einen möglichen Schutzraum für Leben und Gesundheit zu bewahren" (Juan Senent, Umweltschutz, Hamburg 1977, S. 8). Mit einem Repertoire persönlicher Emblematik, aber auch aus der Klassischen Moderne und der Moderne bekannter Bedeutungszeichen, reflektiert Hinrich van Hülsen die Welt als unsicher und ungewiß. Als Folge des Kults des wissenschaftlichen, technischen und industriellen Fortschritts sind die ursprünglichen, natürlichen Sinnzusammenhänge verlorengegangen. Es fällt zunehmend schwer, sich wurzel- und heimatlos in der Wirklichkeit zu orientieren. Mißtrauen gegenüber den von den Menschen propagierten Eindeutigkeiten ist in hohem Maße angebracht.
Der Mensch, aus den einst stützenden Verbindungen - wie z.B. Naturnähe und Kommunikation, auf der Grundlage auch von gemeinsam erfahrener Religion, Tradition und Geschichte - herausgerissen, hat buchstäblich den Boden unter den Füßen verloren, muß sich neu orientieren, müht sich, die Balance zu halten, sucht sich neu zu verwurzeln. Er ringt um Bindung und individuelle Selbstbewahrung, pendelt hin und her zwischen Scheitern und Zuversicht. Die Realität, auf sich selbst verwiesen zu sein, ein autonomes Schicksal zu erfahren, vermag er sich nicht einzugestehen.
Gegenstände, die uns vertraut scheinen, Menschen, Räume, die Natur, werden in Frage gestellt. In den Bildern van Hülsens erscheint die Stadt wie ein Bühnenbild. Die Silhouette ihrer Häuser bildet eine scherenschnittartige, scheinbar unüberwindliche Barriere. Die Stadt ist Sinnbild einer zweifelhaften und bedrohten modernen Gesellschaft. Hinter ihrem umgrenzenden Häuserkranz, der das Bild oft nach hinten abschließt, erahnt man ein eigenartig transzendentes Licht. Kaum je ist ein Durchgang, ein Durchblick gegeben.
Mittels merkwürdiger Stangen, Bänder oder Schläuche tasten die dargestellten Menschen nach Verbindungen jenseits des Bildes, nach einem Über-Ich, nach Sinnstiftungen. Mit sonderbaren Mitteln blicken sie suchend hinaus in die Ferne ("Die große Vorschau", 1992, Abb. S. 12). Der Eindruck von Begrenztheit wird durch den gewählten Bildausschnitt, manchmal auch durch Mauern oder Wände, noch verstärkt (z.B. "Fragen? Dann fehlt Dir was", 1992, Abb. S. 13, "Sein Auge ist blau", 1993, Abb. S. 17 und "Verursacht durch Neugierige", 1993, Abb. S. 14). In dem Linolschnitt "Erst war da was, dann war da nichts, dann wieder doch", 1992, Abb. S. 7) schwebt ein Mann - aus dem ihm vertrauten Raum ins Zeitlose gerissen - mühsam die Balance haltend, über dem Schlund eines Ungeheuers. Dunkelheit und Finsternis umgibt ihn.
Begegnungen, Metamorphosen zwischen Mensch und der Natur finden statt. Die Technik gerät zunehmend außer Kontrolle, drängt den Menschen in die Enge. So etwa in dem grafischen Blatt ("Flieger" 1992, Abb. S. 6). Mensch und Maschine begegnen sich, sind in einem verengten Raum miteinander konfrontiert.
Nicht selten sind in den Grafiken Hinrich van Hülsens generelle Anspielungen auf die Kunst enthalten - so etwa in dem Titelblattt des grafischen Zyklus ("Es ist nicht geheuer auf der Welt", 1992, Abb. S. 10): Der Außenseiter, der Gaukler, der Künstler, der spielerisch durch das Leben geht, zeigt dem ängstlichen, schutzsuchenden, sich um Halt bemühten Bürger phantasievoll neue Möglichkeiten der Existenz auf.
Die farbige Druckgrafik
Der farbigen Druckgrafik van Hülsens liegt häufig eine Kombination von Linol- und Holzschnitt zugrunde. Charakterisiert ist sie durch die abstrahierend, jedoch immer an der Realität gebundenen und durch diese auch legitimierte, flächenbewußte Bildgestaltung mit umrißbestimmender Kontur (Brown shoes don't make it, 1992, Abb. S. 22). In diesen Arbeiten hat van Hülsen auch oft organische Teilformen schablonenhaft chiffriert. Er entwickelte ein Programm von Zeichen, Symbolen und Mustern, die manche Blätter oft regelmäßig überziehen (vergl. Abb. S. 12; Abb. S. 21). Einige Arbeiten stehen im Grenzbereich zwischen Kunst und Gebrauchsgrafik. Bildszenen, in denen Fische, Katzen, Hasen als Symbole vorkommen, oder in denen Tiere und Menschen Metamorphosen eingehen (z.B. "Der Himmel trägt ein T-Shirt, 1992, Abb. S. 21), sind auch aus van Hülsens Engagement für den Naturschutz verständlich. Insbesondere Fische haben für ihn eine symbolische Bedeutung: "Sie sind in besonderer Weise hilflos, den von Menschen verursachten Katastrophen ausgesetzt". Auch in Selbstreflektionen mit verschlüsselten Untertiteln "Was hat denn das zu bedeuten?", 1991, ein Bild, das auf das biblische Thema "die Versuchung des heiligen Antonius" anspielt, wird darauf hingewiesen -oder aber in Querverbindungen zur Literatur wie der freien Illustration nach dem Buch "Caspar Copenrath" des in Mettingen bei Osnabrück lebenden Schriftstellers Alfred Cordes ("Ich denk darüber nach", 1993, Abb. S. 16).
Caspar Copenrath, der die Gabe eines geschärften Sehvermögens besitzt, entdeckt eines Abends auf dem Nachhauseweg im Fenster einer Osnabrücker Tierhandlung eine in einem Vogelkäfig gefangengehaltene und zur Schau gestellte Katze. Er versucht Kontakt mit ihr aufzunehmen: "Wenn man dir tief genug in die Augen schaut, wird es einem gelingen, sich mit dir zu verständigen. Wahrscheinlich ist die menschliche Sprache nur ein einfaches Hilfsmittel für die, die es in Jahrtausenden verlernt haben, auf die feinen Signale zu achten, die aus deiner Haltung sprechen. Das Neigen deines Kopfes, die kaum merklichen Bewegungen deiner Krallen, das geheimnisvolle Spiel deines Schwanzes, das alles ist eine Sprache, verfeinert und bestimmter als all unsere oberflächlichen und mißverständlichen Worte. Vielleicht denkst du tiefer in deinem kleinen
Kopf, weil du nicht laut und eilig bist, vielleicht kannst du deine Pupillen willentlich schließen, dich aussperren aus der Welt, dich einfangen in dir selbst. Lange hockte Caspar vor dem Schaufenster der Tierhandlung, sprach mit der Katze, wünschte sich ausdauernd und konzentriert eine solche Nähe zu dem Tier, daß irgendwann ein Funke überspringen würde, ein Austauschen von menschlichem und tierischem Bewußtsein möglich wäre, daß er mit seinen Sinnen in der Katzenhaut steckte, eine raubtierhafte Wahrnehmung zu erleben" (Alfred Cordes, Caspar Copenrath, München 1987, S. 150).
"Das Tier beläßt die Welt, wie sie ist. Es gehört zu ihr, ist ein Teil von ihr. Der Mensch, aus dem Paradies vertrieben, besitzt die Instinktsicherheit der Naturwesen nicht mehr, ist nicht mehr Teil einer schon vorhandenen Ordnung. Er wird ins Chaos hineingeboren. Will er leben, muß er bergende Ordnung immer neu stiften" (Gerd Presler, L'Art brut, Kunst zwischen Genialität und Wahnsinn, Köln 1981, S. 35). Geisterhaft-wie ein Menetekel - erscheinen Symbole (Hase, Fische etc.) in van Hülsens Bildern. Man hat den Eindruck, daß, bleibt der Mensch den Warnrufen gegenüber blind, die Katastrophe unausweichlich ist.
Hinrich van Hülsens Grafik spiegelt- in der Manier der Phantastischen Kunst - den Schwebezustand der Wirklichkeit unserer Zeit, ihre Widersprüche, Zweideutigkeiten, Ungereimtheiten und Unberechenbarkeiten wider. Zwar gibt es einen dialektischen Zugang zu seinen Bildern, doch kann man van Hülsen, wenn er sagt, "meine Bilder sind frei interpretierbar", beim Wort nehmen. Viele Deutungsmöglichkeiten bleiben offen, seine Warnungen aber, sein Appell an die Mitverantwortung des Einzelnen, die Notwendigkeit eines neuen Bewußtseins, sein Engagement, bleibt - durchblättert man diese Grafikkollektion - immer spürbar.
André Lindhorst, Febr. 1993
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