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Friedel Kantaut 
Betr.: Es war einmal
Berlin, 10.08.05


 

Es gibt einen Ort, an dem bist Du eine Erfindung.

Sonntag. Ich trinke und warte auf die Abenddämmerung. Nach Sonnenuntergang bringe ich auf dem Weg zum Treffpunkt die Ernte ein. Meine Erntewerkzeuge sind ein Grafitstift und ein Blatt Papier.

Am Straßenrand sitzt der Rest des Mannes, der seine Arme und Beine in einem Selbstmordversuch gegen die U - Bahn verloren hat und kotzt seine Wut in die Castingzone. Ein paar Meter weiter hockt ein Künstler auf einer Treppenstufe mit drei kleinen Collagen vor sich, mitten im Sommer vermummt und versteckt unter einer privaten Schneewehe. Oft habe ich beide gesehen und ihre Argumente geahnt, die ich heute wie Flyer vom Fußweg vor ihnen pflücke. „Bei zwei Depressionen bekommen Sie eine dritte gratis.“ Weiter.
Vorbei an Straßencafes, die wie Wellenbrecher mein Fortkommen behindern. Möwenbänke, gestylte Citypinguine, Robben, die ihre Paarung vorbereiten.
Riffpiraten, die falsche Leuchtfeuer setzen, an Bordsteinkanten gestrandete Havaristen. Cocktailtrinker auf Korbstühlen neben denen am Stehtisch mit einem Spätkaufbier.

Der Treffpunkt ist ein Lokal in einer Seitenstraße. Das Pissoir ist mit Seiten aus Thoreau’s Walden tapeziert. Beim Nachdenken über die Wechselbeziehung zwischen Kultur und Fäkalien fällt mir eine Freundin ein. Sie wollte nie fotografiert und in einer Zeitung veröffentlicht werden, damit sich keiner mit ihrem Gesicht den Arsch abwischt. Ich denke oft an sie, wenn mir das Toilettenpapier ausgeht.
Bevor ich ins Hinterzimmer gehe, bestelle ich am Tresen ein Bier. Der Wirt ist auf der Hut. Er fürchtet, Literaten sind Zechpreller und stehlen Kugelschreiber.

Ein schwerer, dunkler Baumwollvorhang trennt den Raum ab. Gedämpft beleuchtete Stuhlreihen, ein einstufiges Podest gegenüber mit Tisch und Stuhl, Zigarettenrauch, Anwesenheit.
Ich höre die Geschichte einer allein erziehenden Mutter, die der Warteschlange im Arbeitsamt den Kopf abschlägt, und von einem Liebenden, der der Eifersucht seine Venen verweigert. Dann feiere ich meinen Erntedank und trage meinen Zettel zum Pult. Die Mikrofonanlage rauscht. Die Leselampe ordnet das Grafitpulver. Ich beginne: „ Es war einmal.“
Jetzt wirst Du zu Norma Bates, während ich dusche, zu Alice im Wunderland und auch zu Dulcinea. Ich kann Dich sterben oder allein in den Sonnenuntergang reiten lassen, kann Dir Schwindsucht oder ein Haus mit Familie und Hund andichten. Ich vermenge Dich mit all den geernteten Menschen, Dingen und Ereignissen zu einem Bedeutungsbrei und opfere ihn der Unterhaltung.
Als ich ende, haben die Zuhörer formale Bedenken und stellen Fragen. 

Ich unterbreche den Heimweg für ein weiteres Getränk. Jemand fragt nach meiner Telefonnummer. Ich schreibe sie auf einen Zettel, den ich zu einem Schiffchen falte. Später lasse ich das Boot zurück und beschließe, die restliche Strecke zu schwimmen. Am Steg angekommen, ziehe ich mich aus dem lauwarmen, öligen Wasser und kaufe ein letztes Bier. Ich öffne es, nehme einen Schluck und mag es nicht mehr trinken. Zuhause stell ich es geöffnet in meinen Kühlschrank.
 
 

 

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