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Friedel Kantaut
Verletzte Sicherheitszonen
2006 


 

Sicherheitszone 
November 06. jetzt beißt die stadt. Der busbahnhof in seiner nachbarschaft wird zur nächtlichen kulisse für abschied. Eine woche hat er ausgehalten, sich zu hause vorm fernseher angekettet. Eine woche muß reichen, um nicht aufzufallen.

gelbes kunstlicht beleuchtet die fast leeren bahnsteige. Die hinweisschilder, die ihn beim ersten mal zum ziel geführt hatten, nimmt er mit beiläufiger erinnerung wahr. Er kennt den weg. Vorbei an reihen von grünen hartschalensitzen, quer über den feuchten asphalt zählt er die bordsteinkanten bis bahnsteig sieben. Neben der säule, die das vordach trägt, leuchtet das neonversprechen „dörthes imbissbude“
Hinter zugezogenen vorhängen, schimmert es blau. Reiner zufall, wieder hier zu sein und hunger. Er drückt die klinke.

Lange vermisster, klebrig ranziger fettgeruch. Zwei gäste, männlich, einer ordnet leere schnapsgläser, bestellt noch einen, trinkt sich zum perfekten muster. Einer am spielautomat. Ein radio plärrt,: „es fährt ein zug nach nirgendwo“.
„na, junger mann, auch mal wieder unterwegs.“ Ein angemessenes vorspiel.
Dörthe heißt nicht dörthe sondern norma und ist nur eine angestellte von dörthe, die es höchstwahrscheinlich nicht gibt. Sie hat ihre blonden haare zu einem zopf zusammengebunden und ihr gesicht aufgeräumt und frisch gestrichen. Für wen, wenn nicht für ihn,
Er schiebt sich an einem weißen stehtisch vorbei zu dem fensterplatz in der ecke, von dem man, geschützt vom kaffeeautomaten, einen guten blick hinter den tresen hat. „ ein bier und pommes rotweiß.“ Alles war gut, der geruch, die schlagermusik, zwei unaufmerksame rivalen und sie.
Mit der holzzange nimmt norma eine wurst vom grill, legt sie in eine pappschale und beginnt zu schneiden. Fleischsaft spritzt auf ihr handgelenk. Ihre runden finger mit den verlängerten dunkelroten nägeln halten das messer und fixieren die schale.
Eine hand wischt den saft auf ihre plastikschürze die andere greift zur ketchupflasche, preßt die soße auf die wurstscheiben. Als sie sich über den gurkensalat beugt erkennt er das stecknadelgroße muttermal auf ihrer linken brust, steigt ab ins sichelförmige schattenfeld darunter, seidenbegrenzt. Mutmaßungen über unterwäsche.

„it’s allright now,“ schreit der spielautomat dazwischen und spuckt münzen.
Sie kommt mit bier und pommes auf seinen tisch zu. Verdammt viel frau verpackt in einer gepunkteten kittelschürze, die knapp überm knie endet, die füße in kurzen gummistiefeln. Dann trinkt er seinen ersten schluck bier auf ihren sich wieder entfernenden arsch und tunkt eine pommes in die mayonaise.

Im alter von dreizehn jahren nahm ihn sein vater öfter in verschiedene imbissbuden mit, und die bedienungen waren die ersten frauen in seinen träumen. Er erkannte das nicht nur mutter für die seine tägliche nahrungsaufnahme sorgen konnte sondern auch andere frauen, und dass es auch anders ist. Diese wesen an den fritteusen verkauften ihre ware, sind nicht nah und fürsorglich, verwandeln zwischenmahlzeiten in begehren, ohne ihn jemals verlassen zu können, weil sie nur an diesem ort wirklich existieren. Jetzt ist er bei norma.

Sie sucht nach den salateimern. Ein gelber slip blitzt über ihren kräftigen oberschenkeln, die sich anspannen, als sie einen eimer hebt. er folgt der linie ihrer wade zum fuß, taucht in ihre stiefel, stellt sich kurze zehen im gummidunkel vor.
Nie dürfte sie duschen. Er schiebt sich eine inzwischen schlabbrige pommes in den mund, kippt einen schluck lauwarmes bier hinterher. . 
„it’s allright now.“ Wieder gewonnen.
Auf dieser abwaschbaren bühne, zwischen grill und salatbar, zum geräusch siedenden öls, bewegt sie sich nur für ihn. Andere männer essen hier, ihn nimmt sie in sich auf, bis er ihr reich wieder verläßt. Sie wird ihm nicht folgen.
Was kümmern ihn diese alkohol und spielabhängigen eunuchen, die manchmal lallend tagespolitk erörtern oder sich lautstark streiten, ob das tretboot, das die liebe eines schwans nicht erwidert, ein herz hat. Er könnte sich norma vor ihren augen nehmen, und diese kastraten würden es sehen und nicht begreifen. Unzucht mit der göttin der völlerei und lust vor den augen von zwei schwanzlosen sittenwächtern, die unter ihrer feinrippunterwäsche einen körper verstecken, der nie lebte.

„behältst du deine augen mal bei dir, oder willst du noch was bestellen.“ Ihre stimme schreckt ihn auf. Nicht schon jetzt, zu früh. „ ich nehm noch zwei bier mit:“
ertappt wie ein dieb, die beiden trophäen in einer tüte,den nachklang von eunuchengelächter im ohr, scham, entäuschung und aufkeimenende wut im hirn läßt er den busbahnhof in der nacht zurück.. es wird zeit vergehen müssen, bis er wiederkommt.
 
 

 

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