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Ich seh die Tür und seh die Träume. Erwarte. Im Dunkel erfind ich Schachtelräume. Vergeblich. (Richard Fach, Oktober 2001)
TRÄUME UND TÜREN
Am Anfang ist mein Hund,
als ich mich von ihm trennen will, verbeißt er sich in meine Kehle, seine Augen flehen, bei ihm zu bleiben, weil mein Leben ohne ihn sinnlos ist. Ich trenne mich nicht.
Einzelheiten. Ein Becher mit trübem, lauwarmem Kaffee. Das matschige Marmeladencroissant. Der Blick durch die ungeputzten Scheiben der Cafeteria auf die Hafenanlagen.
Die Frau mit dem Gehstock fragt: Soll ich Dir Gott erklären?
Sie bestellt ein stilles Wasser und ein Ei. Sie trinkt das Wasser, zerschlägt das Ei mit der Krücke und sagt: Das ist Gott.
Ich gehe.
Einzelheiten. Die durchgeweichte Zeitung auf dem Kopfsteinpflaster. Der Mäusekadaver in der Toreinfahrt. Es gibt keine Geschichte, die größer ist als jede Einzelheit und dem Regen im Gegenlicht, das mich blendet....
die Sonnenstrahlen durchdringen sein Kopfkissenversteck. Träume enden ohne Abspann.
1.
Er stapelt Kleinbildfilmdosen zu einer Pyramide auf die Fensterbank neben den laufenden Fernseher, nimmt ein Zigarettenpapier aus der zerrissenen Packung, sein Tabakbeutel ist längst leer, und knüllt es zu einer kleinen Kugel, die er im Mund befeuchtet, knickt den Lauf seiner Luftpistole. Die Papierkugel passt genau. Er spannt, zielt, schießt auf die Pyramide. Plopp! Getroffen! Geringe Mengen von Glückshormonen sickern in seinen Körper. Er steht auf, um die Pyramide neu zu ordnen.
Dann ertönt der elektronische Fünfklang an der Wohnungstür.
2.
Später Nachmittag.
Eine unwahrscheinliche Zeit für Gerichtsvollzieher und Stromabsteller. Fach öffnet hastig sein Fenster, drückt dann den Türöffner. Frauen empfinden den Geruch von nicht entsorgtem Müll und seit Wochen nicht gewechselter Bettwäsche selten als
stimulierend. Vor seiner Tür steht keine Frau. Der Typ ist extrem dürr, rothaarig, unrasiert und sagt: “Döblin meint, Du brauchst Geld. Ich hab einen Job für Dich.”
Döblin ist der Besitzer der Kneipe, in der Fach regelmäßig abhängt, und sorgt dafür, dass er von Zeit zu Zeit Geld verdient, um seine wochenlang angestaute Zeche zahlen zu können. Keiner weiß wie Döblin wirklich heißt. Man nennt ihn so, weil er oft nach Feierabend, wenn nur noch ein paar Stammgäste da sind, die Tür abschließt, selbstverfasste Stories vorliest und Gratisdrinks ausschenkt. Die Geschichten waren erträglich, die Drinks gut und notwendig.
Der Rothaarige setzt sich auf den Plastikstuhl, fummelt umständlich eine Pappschachtel aus seiner Umhängetasche. “Kühl hier. Bring dieses Paket zur Rykestraße 8, gib es bei Willnow ab, Du bekommst Dreihundert.” Was is`drin?” “Geht Dich nichts an! Mach`s oder lass es.” “Schon gut.” Der Dürre geht.
Die Schachtel liegt auf dem Bett. Sie ist nur mit Klebeband verschlossen, leicht zu öffnen und, ohne Spuren zu hinterlassen, wieder zu verschließen. Schütteln verrät nichts über den Inhalt. Er beginnt das Klebeband vorsichtig zu lösen.
3.
Der Bürgersteig ist so breit,
daß zwischen der gebeugten alten Dame im türkisen Kleid und dem
entgegenkommenden Männerberg in Shorts mit getrimmtem Pudel einige Meter Platz sind. Der Pudel bemerkt das Fahrrad zuerst, quiekt erschrocken, überlebt. Der Radfahrer weicht aus, korrigiert seinen Kurs knapp an dem gebeugten, türkisen Rücken vorbei und überquert die Seitenstraße. Der Berg in kurzen Hosen reagiert. “Ja, ja, die Radfahrer!”
Die alte Dame erinnert sich an einen Luftzug, “…der Wind?” “Die Raadfaahreer!” schallt er zurück. Während die gebeugte Dame noch nachdenkt, was der Wind mit Fahrrädern zu tun hat, ist der Fahrer längst außer Sicht. Der Pudel entspannt sich.
Das ist schon das Bemerkenswerteste, was sie die letzten Tage erlebt hat. Nicht einmal erlebt, nur beobachtet. So isses. Immer, wenn sie es endlich geschafft hat, für sich Aufmerksamkeit zu erlangen, ist ihr Anliegen genauso außer Sicht wie der Radfahrer.
Ein Echtzeitproblem.
Die Lösung sind zwei heiße Ernie- und Bertwärmflaschen, ihr Bett,
Pistazieneis und der Fernseher.
Happy - Ends bringen sie zum heulen und sie hasst es. Judith stösst die erkalteten Ernie und Bert von der Bettkante, rollt sich in ihre Decke auf die Wandseite und schläft wartend ein.
4.
Es ist sehr klein. Rollt sich zusammen. Verschließt sein Zimmer.
Nur kurz öffnet es die Tür einen Spalt breit, schiebt seine Stiefel zum Putzen auf den Flur, hängt ein Schild außen an die Klinke. Do not disturb! Dann wartet es angstvoll auf die nahenden Schritte des Hoteldieners und entspannt, als sie sich entfernen.......
Das Klingeln ist nicht der Wecker. Judith wälzt sich herum. Es bleiben zwei Stunden bis zum Aufstehen. Viele Träume sind noch möglich. Lasst mich in Ruhe! Es Klingelt wieder an der Tür. Ihre Sehnsucht räkelt sich und erwacht. Vielleicht? Und vielleicht umsonst! Sie stolpert über Ernie, oder war es Bert, greift ihren Morgenmantel und öffnet die Tür.
5.
Eine Polizeisirene schneidet das Morgengraun.
Drei Beamte stürzen durch die geöffnete Tür in eine Altbauwohnung. Der Körper liegt quer, ist weiblich und erstochen. Später wird sie als Judith Willnow identifiziert.
6.
Im Morgengraun die Straßen runter.
Das Messer, das er in der Schachtel gefunden hatte, ist während seiner Reise durch die Nacht in einer Wasserstraße versunken.
Er war in die Rykestraße gegangen und hatte bei Willnow geklingelt. Als ihm nach mehrmaligem Läuten eine verschlafene Nähe im Bademantel öffnete, begriff er. Die Pappschachtel stopft er später in eine übervolle, orange Plastiktonne.
Es war Zeit an’s Meer zu fahren.
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