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Meine sehr verehrten Damen und Herren,
als schnelllebig mögen wir unsere Gegenwart erfahren- und oft eilend, so erleben wir uns darin selbst. Zwischen dem Morgen und dem Abend, zwischen Tag und Nacht sind wir Teil unserer Hochgeschwindigkeitsgegenwart, so, als wollten wir das große Geheimnis der Zukunft auf unsere Gegenwart reduzieren. Oft lassen wir nur knappe Momente, Zeitfragmente jenseits aktiver Betriebsamkeit zu, um eigenes Gegenwärtigsein zu erfahren und zu fühlen, um Neues aufzunehmen und in uns zu empfangen.
In solch eine Zeit hineingeboren, kann auch das beiläufige Betrachten der Bildwerke von Patrick Voigt zu einer nur knappen, ja flüchtigen Notiz werden. Dabei vermutet der vorbeihastende Betrachter Stromleitungen, Drahtbündel, Verkabelungen zu sehen, die losgelöst von ihren städtischen Räumen leer, ja müde, etwas ermattet gegen den offenen Himmel gespannt zu sein scheinen. Diese beinahe schon vergessenen, doch noch immer vertrauten, schwarzen Schnittlinien im Zenit des Himmels wecken schnell eindeutige Erinnerungen an den längst zurückliegenden Beginn weltweiter Netzwerke, die die Besiedlungskörper unserer Zivilisation wie Städte, Siedlungen, Behausungen, Dörfer inzwischen so eng zusammengebunden haben. Die oft verwirrend wirkenden Spannungs- und Kabelleitungen zwischen den Häusern und über den Straßen, wie sie von Mast zu Mast gezogen worden sind, scheinen uns Boten einer einst weniger perfektionierten und für unsere mitteleuropäisch hochgeputzten städtischen und vorstädtischen Mikrourbanismen entrückten Epoche. Ein kurzes Lächeln des konsumierenden Betrachters noch, das als Wink an diese beinahe schon verflossene Erinnerung gelten könnte, die nun doch unmissverständlich den Höhenflug des Fortschritts zu dokumentieren scheint, dann eilt unser Sinn schon wieder weiter. Und schon sind die gerade noch eingefangenen Bilder überlagert mit neuen Eindrücken.
So geschieht unser schnelles Hinsehen oft in gleichzeitiger Überlagerung und Verschränkung mit eigenen, mitgebrachten und längst abgespeicherten Bildern und den neu eingefangenen visuellen Impulsen. Eine sich ergänzende und aufladende Bereicherung wäre eigentlich möglich. Doch zu oft haben wir scheinbar Wichtigeres zu tun. Zu oft verbieten wir uns ein sinnendes Verweilen- und so kann es nur bedingt gelingen, die neuen Bilder wirklich als Impulse wahrzunehmen, sie also wirklich gleichsam für uns einzufangen?
Sind also die in uns abgespeicherten, gewohnten und vertrauten Bilder durch das kurze Hinsehen erweitert oder wenigstens gestört worden? Ist also eigene Voreingenommenheit und eigenes Abgeschlossensein im Spektrum längst vollzogener Erfahrung eingedämmt? Oder kann uns doch noch für einen Moment des Hinsehens eine Überraschung wecken?
Zunächst braucht es Zeit, aufmerksam verbrachte Zeit, um die fotografisch anmutenden Darstellungen von Patrick Voigt auf sich wirken zu lassen. Nach und nach entwickeln diese Arbeiten dann Anziehungskraft. Das zunächst schnell erfasste Bild entzieht sich plötzlich nach und nach einem griffigen Blick. Die weiche, eigentümlich in sich gekehrte Räumlichkeit, so lässt sich entdecken, entsteht aus einer sich auslotenden Ruhe, die keinesfalls auf Spannung verzichtet. Im Gegenteil, die Kompositionen wirken aktiv und energisch. Wer einen Augenblick, ja, einen wirklichen Augen-Blick verweilt und schaut, der kann zusehend erfahren, wie diese Arbeiten sich als großformatige Zeichnungen, als Handzeichnungen in Graphit offenbaren. Vielfache Nuancen zwischen Weiß und Schwarz werden hier zeichnerisch durchdekliniert. Feinmaschig dichte und konzentriert aufgetragene Schraffuren von graphischen Liniennetzen auf glattem Zeichenpapier verbinden sich zu verknoteten Schläuchen, Strängen, Adern. Doch diese weichen, manchmal wattig wirkenden Ränder der dichten Linienbündel vermitteln zugleich etwas Nebliges, etwas sich sanft und unmerklich Entziehendes, einen nahezu geheimnisvoll anmutenden Ton. Hier, an den Rändern sind die Konturen der teils straffen Schraffuren ausgesetzt, um den fiktiven Raum zwischen Vorder- und Hintergrund zu verschmelzen. Und daraus erklärt sich schließlich das zunächst nicht gleich auffallende Verhältnis von Spannung und Ruhe.
Irgendwann dann ziehen sich die eindeutigen Herkünfte der Bildmotive in sich selbst zurück. Deftig aufgetragene Linienbündel verfließen ineinander und lösen eigene Assoziationen und Parallelen aus. Die dichten graphischen Sphären lassen an Gewebestrukturen, an bioamorphe Zellkerne, an Vergrößerungen kleinster Zellgitter, an organische Verwurzelungen und Verzweigungen denken. Je nach Phantasie des nun beobachtenden, erkundenden Betrachters ist man angeregt, an klinische Sphären im Operationssaal zu denken. Und schließlich gleitet dieser offene Assoziationsbogen wieder zurück zu den Kabelgeschwüren und wilden Gummiummantelungen, die manche Städte dieser Welt beinahe zu zuschnüren drohen und ihnen, den Städten trotzdem ihr modernes Leben ermöglichen. Energie, Telefon, Internet - die neuen Hochtechnologien werden als technische Infrastruktur vom Künstler nüchtern registriert und dann mit graphischen Mitteln zu poetischen Bändern unserer urbanen Gegenwart überhöht. Ja, mit dem Schnellen, mit unserer zeitgemäßen Schnelligkeit kann man sich lange - und langsam befassen, denn diesen straffen Infrastrukturen wohnt tatsächlich ein Hauch von Poesie inne.
Patrick Voigt, ein zwischen Hamburg, Bremen und Osnabrück pendelnder Graphikdesigner, findet in diesen Zeichnungen Wege, sich der Kunst verwandter zu erfahren als der Werbung. Er setzt auf Zeichnungen, die dem traditionellen Gewerk mit Graphit und Radiergummi folgen und damit modernste Themen nahezu beschwörend herauszustellen suchen: es sind die Themen unserer unmerklich sich ausweitenden technischen Infrastrukturen. Diese längst bis ins Unauffindbare verborgenen und versteckten Kabelleitungen unserer hoch vernetzten, technologisch geprägten Welt regen den Künstler an, nach den Gründen dieser längst als selbstverständlich geltenden Vernetzung zu fragen. Und damit wird unser eigener Blick, unsere unmittelbare Wahrnehmungsbereitschaft angeregt. Hier will Patrick Voigt der Ernüchterung entgegentreten, hier will er, lassen Sie mich das frei behaupten, hier will er uns für eine ernstere, tiefere ästhetische Gestaltung unserer Umwelt gewinnen. Hier schließlich verweilen wir, wollen wir verweilen, wollen wir für einen Moment glaubhaft fragen, ob wir wirklich an der Gestaltung oder eher an der Verwertung unserer Umwelt interessiert sind?
Meine Damen und Herren,
Patrick Voigt gehört einer Generation an, die ohne Druck und Existenzangst groß werden konnte. Vor dem biographischen Hintergrund dieses ungestörten Jungseins wohnt seiner künstlerischen Auseinandersetzung notwendig etwas unbestimmt Visionäres inne: es ist die Hoffnung auf den Fortgang dieses Aufgehobenseins in einer trotzdem veränderungswürdigen Welt. Und gerade das ist Patrick Voigt sehr bewusst, denn dieses Bewusstsein ist Auslöser seiner Ernsthaftigkeit und seiner Skepsis, die nicht einfach akzeptiert, dass wir die Welt zu virtuellen und technologischen Netzen verknüpft haben. Er fragt schließlich, was diese Netze uns wirklich an Verantwortung und Zusammenhalt abverlangen. Und er will wissen, ob wir eigentlich wirklich bereit und befähigt sind, den tieferen Sinn einer sich abzeichnenden weltweiten Vernetzung anzunehmen.
Sein Hinsehen, gefiltert in schlichten, stillen Handzeichnungen, gerinnt so zu einem konzentrierten, eigenen Hinsehen. Denn die Handlungsmotive innerhalb unserer Existenz zu ergründen, gelingt erst mit der Ergründung eigenen Sinnsehens.
Ja, meine Damen und Herren,
damit hat Patrick Voigt uns erreicht. Seine Zeichnungen offenbaren uns ihren eigenen existenziellen Impuls. Sie sind sichtbar gewordene Bildnisse des Offenen, das die Vielfalt unserer Möglichkeiten und Entscheidungen in sich trägt. Sie sind Zeugnisse des Unbestimmten in einer noch immer poetisch kostbaren Welt, die uns nicht einfach geschenkt wurde, um sie zu entzaubern.
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