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Osnabrück, 20.11.2004 
 
Hundert Häute und ein Salzberg
Von Christine Adam

HAND IN HAND haben Komponist Willem Schulz, Künstlerin Elisabeth Lumme, Choreograf Gregor Zöllig und Künstlerin Hiltrud Schäfer für das neue Tanzstück gearbeitet.
Foto: Michael Hehmann


Was auf der Bühne zu sehen sein wird, ist in beiden Fällen sicher spektakulär: 70 bis 100 Hautskulpturen in Form des menschlichen Körpers und ein Riesenberg aus Salz, elf Meter lang und zwei Meter hoch, angestrahlt von Videoprojektionen. Doch auch wenn der neue, zweiteilige Tanztheaterabend "Haut.Salz.Körper" Gregor Zölligs den Osnabrücker Maler Felix Nussbaum zum 100. Geburtstag ehren soll und mit der Nussbaum-Gesellschaft koproduziert wurde, hat er thematisch nichts mit dem Thema Holocaust zu tun.

Ausgangspunkt für einen ungewöhnlichen kreativen Prozess von bildender Kunst, Tanz und Musik waren die Objekte der Osnabrücker Künstlerinnen Hiltrud Schäfer und Elisabeth Lumme, erläutert Tanztheaterchef Zöllig im Gespräch. Hiltrud Schäfer brachte ihre filigranen Hautfragmente aus Rindenbast des Papier-Maulbeerbaumes mit, die aussehen wie Häutungen männlicher und weiblicher Körper. "Wenn es überhaupt eine Geschichte gibt in der eher abstrakten Tanzdarbietung", merkt Hiltrud Schäfer an, " dann die von Mann und Frau und den Häutungen beider in ihrem Leben". Die Haut sei Metapher für vieles, so Zöllig: Grenze zwischen dem Innen und Außen, Tastorgan, Hautsack mit Nägeln, die Narben hinterlassen können. Übertragen benutzt wird: aus der Haut fahren, sich seiner Haut wehren oder dünnhäutig sein.

Solch assoziatives Material vertanzt das Tanztheaterensemble ebenso wie anschließend Einfälle zum Thema Salz. Der Berg wird durch Tänzer und Videoprojektionen zur bewegten Skulptur. "Salz ist ein mythischer Stoff und sinnliches Material", erklärt Elisabeth Lumme. "Es ist Leben spendend, reinigend, konservierend." Die Menge macht's, meint Zöllig: eine Prise kann genau richtig sein, mehr kann auch empfindliche Beziehungsbalancen versalzen.

Hinzu kommt als dritte Kunstform die Musik des Osnabrücker Komponisten Willem Schulz, der schon an Zölligs "HEIMAT OHNEZIEL NAMENLOS" mit einer Cellokomposition beteiligt war. Das enorm Fordernde für ihn und die anderen Künstler war, dass er seine Stücke nicht einfach fertig dem Projekt hinzufügen konnte, sondern dass musikalische Passagen ständig verschoben, verändert, verdichtet oder reduziert werden müssen - work in progress eben. Schließlich wollen die Künste sich nicht verdoppeln oder gegenseitig erschlagen.

Seine Musik für "Haut" ist feinnerviger, experimenteller, sagt er selbst. Berührung (von Saiten) - ein Streichquartett mit Musikern des Osnabrücker Symphonieorchesters passt dazu. Während im Salz musikalisch gesehen "mehr Masse, Vitalität, Rhythmus, Fließen, Strahlen" steckt. Mehr Bläser hätten dem entsprochen, waren aber nicht verfügbar. Eine komplexe, simultane Übersetzungsarbeit von einem Medium ins andere hat stattgefunden - und die Zuschauer müsse diese wiederum für sich selbst leisten.

"Sich verbiegen ist gesund", bringt Hildtrud Schäfer es mit augenzwinkerndem Blick zum Choreografen Zöllig auf den Punkt. Doch die je eigene Handschrift habe keiner verloren.

Uraufführung ist am 5. Dezember um 15 Uhr im Großen Haus, B-Premiere am 11.12. um 19.30 Uhr im emma-theater.
 


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