|
Salz rieselt hart und körnig auf den manchmal gletscherblau schimmernden Salzberg. Percussionsgeräusche verstärken das Rieseln mit hellem Zischen. Kleine Menschlein kriechen wie Würmer aus dem Berg, krabbeln bäuchlings auf seinen Gipfel - als Videoprojektionen.
Ganz real verschwindet allerdings einmal ein Tänzer im Berg aus Pappmaché mit Straßensalzauflage. Doch der Berg hat sich per Videobeamer bereits zum Meer verwandelt und gibt schäumend sein Opfer wieder her. Die Brandung dazu erzeugen langsam hin- und hergeschüttetes Salz in einem Trog und leises Rauschen der Percussion. Überdimensionale Videohände, die sich mit Salz vom (Lebens-) Schmutz zu reinigen versuchen, wischen ein Klettermännchen einfach weg, begraben es in der Salzdüne.
Große und zum Teil verstörend schöne Bilder vom Werden und Vergehen, aber auch vom Ringen der Menschen miteinander haben vier Osnabrücker Künstler gemeinsam gefunden. Als Vorlage für Gregor Zölligs zweiteiligen Abend "Haut.Salz.Körper." dienten zwar Hiltrud Schäfers 70 Häute aus Maulbeerbaumrinde und die Salzskulptur Elisabeth Lummes. Doch stehen weder sie im Vordergrund noch der Tanz.
Im Gegenteil, wie bei einer guten Komposition gibt jede Kunstform mal den Ton an. Dann können die Tänzer am Ende des Salzstückes kaum der furiosen Energie von Willem Schulzes eigens komponierter Musik standhalten, dann fällt im Hautstück der wunderschöne Wald aus abgelegten "Menschenhäuten" allzu schnell den Tänzern zu Füßen.
Warm beleuchtet, entfalten die filigranen Gebilde selbst noch am Boden einen unheimlichen Zauber. Das Tänzerpaar Stéphane Bouillaud und Angelo Larosa tanzt seine Stationen einer Liebe wie in einer sakralen Stätte für menschliche Häutungen. Weiche Streicherglissandi tasten die Fasern der Baumrinde ab, denn Schulz hat ihre Linien nach der Faserstruktur notiert.
Das Paar zieht sich an und stößt sich ab in einer ausgesprochen variationsreichen Choreografie der Berührungen. Nicht minder virtuos lässt die Sängerin Iris Marie Kotzian ihre meist lyrisch modulierende Stimme nun frech lachen oder äffisch keifen. Die poetische Kraft dieses eher leisen Musikstückes ging wahrhaft unter die Haut.
Hart und kristallin und wie die Salzkörner gab sich dagegen das Salzstück. In einer körpersprachlich einleuchtenden wie mühelosen Choreografie erweckt ein Tänzer einen anderen zum Leben - für den Kampf aller gegen alle. Eine Tänzerin windet sich wie ein Wurm unter Salven von Salz aus dem Streuer. Der Sinn anderer Szenen erschloss sich nicht so leicht, war aber vom Ensemble auf hohem Niveau und mit extrem temporeichen, kraftvoll ausladenden Bewegungen getanzt.
Auffällig solistisch führt Gregor Zöllig die "Stimmen" seiner Gruppenchoreografien, wie in einer Kammermusik. Atemberaubend gut passte dazu Schulzes rhythmisch treibendes, ausdifferenziertes Stimmengeflecht aus Franko Frankenbergs famoser elektronischer und Live-Percussion und dem Quartett der Symphonieorchester-Musiker. Jubelnder Beifall des Publikums für alle vier "Komponisten" und ein großartiges Ensemble der Städtischen Bühnen.
|