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Als eigenwillige Textilkünstlerin wurde Hiltrud Schäfer bereits in den 80er Jahren national und international bekannt. Seit 1988 befaßt sie sich intensiv mit
experimentellen Papierschöpftech-
niken. Sie entdeckte das handgeschöpfte und zum Objekt geformte Pflanzenpapier gerade auch wegen der dem Material inneliegenden vielfältigen
gestalterischen Eigenschaften als idealen künstlerischen Werkstoff und Bedeutungsträger. Sie schärfte und erweiterte mit unorthodoxen (nichtsdestoweniger aber auf alten Handwerkstraditionen basierenden) Methoden ihren thematischen Ansatz - eine
nahezu anthropologisch auf den Menschen ausgerichtete Kunst, deren zentrales Thema der Wandlungs- und
Veränderungsprozeß des Menschen und seiner Lebensräume ist.
Die jüngsten Ausstellungen und Projekte Hiltrud Schäfers lassen erkennen, daß ihr Interesse an
einer Kunst, die im öffentlichen Leben eine stärkere Rolle spielt, vehement ist. So ist es inzwi-
schen das Prinzip der Künstlerin, ihre Environments in ein spannungsvolles Verhältnis zu bestimmten Umgebungen zu bringen. Räumliche,
architektonische oder auch landschaftliche Gegebenheiten, die vom Leben und Wirken der Menschen geprägt sind und von ihrer Kultur zeugen, oder Orte, in denen kul-
turelle Güter gesammelt werden (wie beispielsweise in Museen und Bibliotheken), haben
als Bezugsfeld für ihre Objekte und Installationen zunehmende Bedeutung erlangt.
Die Objekte ihrer Installation "Begegnung" von 1997-98, archaisch strenge, jeweils zweiteilige stelenartige Torsi, die wie Metamorphosen entindividualisierter Körper erscheinen - arrangiert Hiltrud Schäfer in der Osnabrücker Stadtgalerie zu einem strengen Stilleben und provokativen
Environment. Wenngleich die Umrisse dieser Objekte einerseits weniger an den Menschen als an Hüllen, wie z. B.
Mumienbandagen, Verpuppungen, Kapseln, textile oder lederne Umhüllungen, erinnern, so rufen ihre stofflichen und malerischen Qualitäten andererseits auch Bezüge zu Knochen, Muskulatur und Fleisch hervor und lassen so Assoziationen zu
mittelalterlichen Totentanz-Szenarien zu.
Die feinen oder groben, durchlässigen oder verdichteten Häute aus Papierfaser erreichen dabei
nahezu den Illusionseffekt altmeisterlicher Malerei: In der künstlerischen Verarbeitung drücken die Papierhäute gerade auch als plastische Volumina gelebte Momente aus und
bringen menschliche Befindlichkeiten und Eigenschaften zum Ausdruck. Spuren haften den Figuren an, die vom Leben zeugen: Vom risikoreichen „Sich-aus-setzen-müssen", aber auch vom Überlebenswillen und von der
Notwendigkeit des Selbstschutzes. Darüber hinaus gibt es aber auch Hinweise auf den Tod und
die Entmaterialisierung des Körpers (Verhüllungen, Verschnürungen, Zerfall des Materials).
Die Be- und Überarbeitung des zum Objekt geformten
Pflanzenpapiers ist in der Installation
„Begegnung" in hohem Maße Bedeutungsträger. Der durch die vielfache Bearbeitung erreichte
unmittelbare Ausdruck dynamisiert die Installation, macht sie aussagekräftig, zugleich aber
auch rätselhaft und geheimnisvoll. Der Besucher, der vor dieser Kunstinstallation verweilt und
sich mit ihr auseinandersetzt, mag im Kunstgenuß seine Abhängigkeit von transzendenten
Einflüssen und biologischen Faktoren erahnen.
Hiltrud Schäfers Objekte verlangen Orte der Kontemplation und des Dialogs zwischen Kunst und
Publikum. Ihre Rauminstallationen haben gerade auch aufgrund ihres künstlerischen
Ausdrucks sowie der (kultur-) kritischen Auseinandersetzung mit unserer Zeit eine soziale und existentielle Qualität.
Das ist ganz besonders der Fall bei der eindrucksvoll-beklemmenden Arbeit
"0.T".
Angeregt durch die Besichtigung einer Kirche in Ungarn, deren Dankeskapelle mit Hunderten
von Prothesen und Krücken ausgestattet ist, entstand eine Installation, die an die Martyriumsdar-
stellungen der westeuropäischen Kunst anknüpft. Zugleich erinnert dieses Kunstobjekt an die
Brutalität jüngster Terroranschläge und kriegerischer Ereignisse und die damit verbundene
Berichterstattung im Fernsehen.
Dazu gehören auch die Installationen "Erinnerung an eine
verlorene Landschaft" - Pflanzenpapiere und Plastikbeschilderungen mit lateinischen Namen aus einer
aufgegebenen Gärtnerei -, die das
Verhältnis Mensch und Natur problematisiert; und „Natura morta". Mumifizierte Tier-
und Insektenkörper, die die
Künstlerin beim Sammeln von Pflanzen findet, integrierte Hiltrud Schäfer in diese Arbeit, in der sie sich kritisch mit dem Verfall unserer Schriftkultur auseinandersetzt. Auffallend häufig nimmt sie Bezug auf die Literatur und auf die unterschiedlichen Schriftkulturen. Das hängt mit den Inspirationen und Assoziationen zusammen, die Hiltrud Schäfer durch die Beschäftigung mit dem Ausgangsmaterial erfährt. Schließlich ist das Papier Bedeutungsträger von Kultur
à priori.
Ihre vielschichtigen und hintergründigen Objekte irritieren die Wahrnehmungsmuster. In der für
das archäologische Museum in Meppen realisierten Installation "Trugschluß" führt die Künstlerin einige der raffinierten Möglichkeiten, Phänome und (scheinbaren) Paradoxien ihrer Kunst augenzwinkernd vor, wie z. B. die Aufhebung der Materialität und der Schwerkraft. Gerade die Auftragsarbeiten für das Meppener Museum lassen Verbindungen zwischen der
künstlerischen Vorgehensweise Hiltrud Schäfers und den Methoden der archäologischen Forschung erkennen: Die Welt- und Körpererfahrung Hiltrud Schäfers, ihre Auseinandersetzung mit dem Fragilen, Agressiven und Destruktiven der Existenz, ihre Beschäftigung mit den Transformationen und Metamorphosen der Dinge schließt zwar Rätsel, Geheimnisse und Unwägbarkeiten nicht aus, ist aber eine (Zeit-)Spurensuche, die letztlich immer auf ein Ergebnis rationaler Erkenntnis zielt.
Anlaß zur künstlerischen Auseinandersetzung können persönliche Erlebnisse, wie z. B. Rei-
seerfahrungen oder auch Begegnungen mit der Natur oder mit Menschen sein. Bezüge zu Stilleben- und Vanitasdarstellungen der bildenden Kunst sind
erkennbar. An das christliche Kreuz
erinnert ein Motiv, das die Künstlerin immer wieder aufnimmt - das Totenhemd. Diese Metapher
für die Vergänglichkeit menschlicher Existenz findet man auch in der Installation „Dialog" wieder, in der Buchseiten in japanischer Kalligraphie und deutschem Buchdruck
aufeinander bezogen sind. Die beängstigende Todessymbolik weicht allerdings einer
allegorischen hoffnungsvollen Sphäre,
wenn die Künstlerin durch Abwandlung der Hemdform daraus Drachenobjekte gestaltet.
Die sinnlichen Qualitäten des Materials, dem handgeschöpften Papier mit der darin eingeschlos-
senen Mikrowelt sowie die (Zeit) Spuren einstiger Gegebenheiten und Wertigkeiten
verbindet Hiltrud Schäfer in der geistigpoetischen Bodeninstallation „Orte hinterlassen ihre Spuren". Zusammen mit der ebenfalls aus Osnabrück stammenden Keramikerin Antje Wiewinner hat sie 1996 in der
„Scheune der Ökonomie" (Schloß Bentlage, Rheine) aus den alten Strohisolierungen einer Dach-
sanierung des historischen Gebäudes 1000 Schalen hergestellt und stillebenhaft
arrangiert. Der Präsentationsraum wird zum Ort der Meditation, Sammlung und Erinnerung und regt zum Nachdenken über
Kultur und den Umgang mit Kultur an.
Als Künstlerin, der es um einen stärkeren Dialog zwischen Kunst und Publikum und um eine
Erweiterung der Wahrnehmung geht, ist Hiltrud Schäfer wichtige Impulsgeberin: Sie baut Brücken
zwischen Kunst und Publikum und sucht indirekt nach Möglichkeiten, das Umfeld, in dem wir
leben und arbeiten, Freude, Angst und Trauer erfahren, bewußter zu machen. Sie
thematisiert und hinterfragt den meist gedankenlosen Umgang mit Dingen sowie die Bezugssysteme und Relationen, in die der Mensch eingebunden ist.
Letztlich ist die Begegnung und der Dialog mit Hiltrud Schäfers Kunst
ein Anlaß zur kritischen Überprüfung des Vorgegebenen sowie der Suche nach sich selbst und
der eigenen Positionsbestimmung in einer sich rasch wandelnden Gegenwart.
Andre Lindhorst
Leiter der Kunsthalle Dominikanerkirche und der Stadtgalerie, Osnabrück,
September 1997
Stadtgalerie
8. November
1997 > 11. Januar 1998
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