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Papier ist geduldig. So kennen wir es, als Träger von Botschaften. Ob wir wollen oder nicht, sie sind klein oder
überdimensional beherrschend, aus unserer informationsüberfluteten Welt nicht mehr wegzudenken. Papier ist zu einem der Symbolträger für Überfluß und Umweltzerstörung geworden und zum Gradmesser dafür, wie ernst man es mit dem Umweltschutz nimmt. Auf Papier
werden jeden Tag die Spuren festgehalten, die der vorhergehende hinterlassen hat: ein unendlicher Speicher von Zeitspuren, den wir öffnen oder den wir verschlossen lassen können, weil wir der Menge an Informationen und deren Inhalt nicht mehr gewachsen sind.
Wie anders setzt Hiltrud Schäfer das Papier ein. Sie befreit es nicht nur aus der Passivität, sondern sie aktiviert es zum eigenen künstlerischen Medium. So ist die Schöpfung des Papiers an sich schon die wesentliche Voraussetzung für die Botschaft, in deren Kontext jedes einzelne Blatt später gefügt
wird. jedes geschöpfte Papier reflektiert so einen erstaunlichen Prozeß der Spurensuche, der Beeinflussung; ein
originäres Dokument; das die Spuren seiner Entstehung unter Einsatz der Elemente Erde, Feuer und Wasser bewahrt. Das setzt ein waches Auge schon bei der Materialbeschaffung
voraus - und darüber verfügt Hiltrud Schäfer ganz sicher. Ihre Spurensuche ist unermüdlich, wenn es darum geht, Gräser, Schilf, Brennessel als Rohstoff für ihre Papiere zu sammeln. Einweichen, Kochen, Bleichen, Färben,
Trocknen, Formen, alles handwerkliche Techniken, die die Voraussetzungen schaffen, daß die Papiere so entstehen, wie es ihre spätere Einbettung in die Installation
erfordert. Auf
diese Weise greift Hiltrud Schäfer in den natürlichen Prozeß des Werdens und Vergehens ein. So entstehen Papiere, die durch die individuelle Bearbeitung Dokument ihrer
Entstehung sind, gleichzeitig aber als Material wieder der Vergänglichkeit preisgegeben werden. Ein kreativer Prozeß voller Spannung, der eine Fülle von Beeinflussungen bietet, der Ausdauer und Fleiß erfordert. Durch die weitere
Bearbeitung wie Färben, Wachsen, Collagieren, Formen werden die Papiere zudem so strukturiert, daß sie zum integralen Bestandteil der konzipierten Installation werden.
So sind die ersten Arbeiten denn auch Ausdruck dieser vielfältigen Schöpfungsvarianzen
des Papiers, der unterschiedlichen Beeinflussungsmöglichkeiten (Färben, Bleichen usw.) und der unendlichen Akribie, mit der diese einzelnen
Elemente geschaffen und zusammengesetzt sind. Arbeiten wie
„Fächerlandschaft", „Feuilles mortes", „Unterwasserwald" fallen in diese erste Zeit der thematischen Umsetzung mit dem selbstgeschöpften Papier, wo die Beherrschung der Technik noch im Vordergrund steht. Der Reiz dieser
Arbeiten liegt in der dem Papier immanenten Mannigfaltigkeit der Strukturen, der feindifferenzierten monochromen
Farbigkeit, der Transparenz und der haptischen Anmutung der
Oberfläche.
Die hohe handwerkliche Fertigkeit, die erfrischende Unbekümmertheit im ungewohnten Umgang mit tradierten
Materialien - wie sie häufig Autodidakten eigen ist -,die technische Beherrschung des Materials als Voraussetzung und die Fähigkeit zur künstlerischen Umsetzung als kreatives
Potential sind der ideale Nährboden, auf dem Arbeiten wie „Vergänglichkeit und Zerfall" oder „Requiem" entstehen konnten. jetzt wird die Thematisierung von Vergänglichkeit und Zerfall mit einem Material, das aus Zerfall entstanden
und wieder dem Zerfall preisgegeben wird, zur beeindrukkenden Manifestation. So
entstehen Objekte und Installationen - zudem präsentiert in und konzipiert für einen ehemals sakralen Raum -, die den Weg beschreiben, auf dem wir uns im Auf und Ab unseres Lebens bewegen. Die Objekte und die
Installationen werden so zu einem subjektiven Spiegel-Bild erlebter und bestimmender Lebenssituationen, die dem Betrachter bewußt werden, der sich ihnen in aller Ruhe aus-
setzt. Obwohl puristisch in der Umsetzung und reduziert auf wesentliche verständliche Elemente, ohne verschlüsselte Botschaften ebnen die Installationen vielleicht gerade
deshalb für den Betrachter die Wege zur eigenen Betroffenheit. Wenn man sich den Objekten und Installationen öffnet, dann weiß man die Zeit Spuren zu sehen und zu deuten.
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