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Ich sah Hiltrud Schäfers Installation „Vergänglichkeit und Zerfall" zum ersten Mal 1992 im Musee des Beaux Arts in
Lausanne auf der Biennale „Contemporary Textile Art". Ihre große, raumgreifende Arbeit aus 20 Einzelobjekten
zeigte eine strenge, kühle, fast mönchische Parabel des Verfalls. Sie stand in einer spürbaren Spannung zu den großprächtigen Räumlichkeiten des Museums im Stile der Neo-
Renaissance. Diese Architektur der Jahrhundertwende spiegelt ein ganz und gar nicht karges, sondern ein anderes
opulentes Verständnis von Kunst, das es heute nicht mehr gibt.
Aber Hiltrud Schäfers'„Vergänglichkeit und Zerfall" stand nicht nur in einem spannungsreichen Kontrast zur
Architektur, ihre Arbeit hob sich auch im Kontext zu den anderen ausgestellten Textil-Arbeiten heraus. Die Textil-Biennale in
Lausanne gilt, neben der in Kyoto, Japan, als eine Schaubühne der Weltkunst von höchstem Anspruch - was sich
auch darin zeigt, daß nur 62 Arbeiten von 976 Einreichungen angenommen wurden.Trotz des hohen Anspruchs und des
rigiden Auswahlverfahrens zeigten viele der ausgestellten Arbeiten jene nichtssagende Unverbindlichkeit, wie sie auch
im gegenwärtigen Kunstbetrieb zu finden ist. In dieser Ausstellung von „Highlights of Contemporary Textile Art", wie
sie die Veranstalter in Lausanne bezeichnen, hob sich Hiltrud Schäfers große Installation in ihrer klaren Symbiose von
Aussage und Gestaltung vorteilhaft ab. Der Betrachter brauchte nicht nach einer Erklärung zu suchen, der Eindruck
vorn Zerfall des Bestehenden, von Vergänglichkeit war nicht
künstlich aufgesetzt, sondern erschloß sich dem Besucher ganz unmittelbar.
Natürlich ist „Vergänglichkeit und Zerfall" ein symbolistisches
Werk. Und dies ist für viele Kunstkritiker schon etwas Negatives. Aber Symbolismus ist eine alte legitime und
höchst spannungsreiche Form der Gestaltung. Sie reicht von Albrecht Dürers „Ritter, Tod und Teufel" über Max Ernst,
Rene Magritte bis zu A. Penck und J. Grützkes Rundbild in der Frankfurter Paulskirche. Die symbolistische Kunst steht
neben der expressionistischen Kunst, der - scheinbar spontanen - Entäußerungskunst, die die gegenwärtige
Kunstszene beherrscht. Symbolistische, mit Parabeln, Chiffren und Symbolen arbeitende Kunst hat immer etwas mit
Vorund Nachdenken zu tun - beim Künstler und beim Betrachter. Beim Künstler entsteht eine solche Kunst nichtspontan
oder gar zufällig. Und beim Betrachter soll sich ein Bedeutungszusammenhang herstellen - über den Verstand
im Kopf oder unmittelbar durch das vegetative Nervensystem, das auf Bilder, Zeichen und Formen reagiert.
Aber für die Künstlerin gibt es noch eine andere, näherliegende Übereinstimmung: ein bleibendes Werk über den Tag hinaus aus jenem Pflanzenfaser-Papier zu schaffen, das von
Natur aus zum schnellen Verfall bestimmt ist. Da mischen sich Material-Sensibilität und persönliche Betroffenheit, die
auch die Installation „Requiem" entstehen ließ.
Wir alle sind durch eine Flut ständig neuer Bilder von Tod, Zerfall, von Elend und Leid abgestumpft. Verhungernde
Kinder, zerschossene Menschen, Morden und Töten werden uns tagtäglich vor die Augen gesetzt, ohne daß bei vielen
Menschen noch ein Reflex ausgelöst wird. Hiltrud Schäfers
Installationen „Requiem" und „Vergänglichkeit und Zerfall" zwingen zum Innehalten, zum Nachdenken über den Sinn
des Lebens und des Sterbens, über Ende und Anfang. Das spricht für ihr Werk, weil dies viel ist in einer Zeit der
Reizüberflutung. Und hinter den Werken aus dem so vergänglichen Material steht, vielleicht unbewußt, eine Botschaft:
Aus Verfall und Vergänglichkeit-wächst neue Hoffnung.
Hiltrud Schäfer hat einen Weg zurückgelegt. Die frühen Arbeiten, vor allen Dingen aus umwickelten Juteseilen mit
oft geometrisch-linear gestalteten Flächen, lassen diese Entwicklung nicht ahnen, obwohl z. B. in der Arbeit
„Verletzung" (1987) so etwas anklingt. Es scheint, daß die Künstlerin mit der Beschäftigung mit einem neuen Material, dem
handgeschöpften Papier aus Pflanzenfasern, den Weg zu einer Gestaltung und zu einer Aussage gefunden hat die
bedeutsam ist und überzeugt. „Vergänglichkeit und Zerfall" und „Requiem" sind nur Stationen dieser neuen
gestaltenschen Linie. Nicht alles ist auf Ende und Tod gerichtet. Da gibt es auch die Installationen „Bäume der Erkenntnis" oder
„Wächter und Schilde" und die Einzelarbeiten. Und so darf man gespannt sein, welche weiteren Stationen dieser Weg
zeigen wird.
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