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Papierkunst ist eine Kunst, die sich mit Papier und Papierstoff artikuliert. Sie entwickelte sich nach und nach seit den
frühen 1960er Jahren. Seitdem ist Papier ein aufregendes und faszinierendes Medium. Aufgrund seiner unendlich
erscheinenden Variabilität in Form, Konsistenz und Ausdrucksweise steht Papier heute für viele Künstler gleichwertig
neben den traditionellen Materialien wie Stein oder Holz,
Leinwand und Farbe. Papier ist multimedial, hat haptische, optische und akustische Qualitäten. Mit Papier kann man
nicht nur multidimensional gestalten oder auch Musik machen, sondern mit Papierstoff kann man auch malen.
Hiltrud Schäfer schafft Kunstwerke von taktiler Sensibilität. Lichtdurchflutet scheinen sie nahezu schwerelos im Raum
zu schweben. Das Material, aus dem ihre Kunstwerke geschaffen sind, ist Papier, Papier, das die Künstlerin selbst
aus Pflanzen hergestellt hat. Angeregt dazu wurde sie von den Franzosen Claudine und Francis Hunzinger während
eines Workshops zur Fertigung von Papieren aus unterschiedlichsten Pflanzen im Jahr 1989. Seitdem stellt Hiltrud
Schäfer ihre Papiere selbst her. Das Werkmaterial also liegt nicht vorgefertigt bereit, sondern seine Beschaffenheit,
Materialität und Farbigkeit bestimmt die Künstlerin von Grund auf selbst. Die jetzige Ausstellung in der
Dominikaner- kirche Osnabrück präsentiert großformatige, raumgreifende Installationen. Sie verdeutlichen in
beredter Korrespondenz mit der formstarken Architektur ihre künstlerische Kraft. Hiltrud Schäfer teilt ihre Vorliebe für das
Material und Medium Papier mit zeitgenössischen Künstlern vieler Länder.
Als früheste Papierkunst in Europa bezeichnet man die Gemälde mit eingeklebten Papieren von Picasso und Braque
aus dem Jahr 1912. Damals war es eine revolutionäre Tat, Tapetenfetzen, gemusterte Papiere oder Wachstuch einfach ins gemalte Bild zu kleben und als abstraktes Farbfeld gelten
zu lassen. Diese sogenannten „papiers colles" wurden von den Futuristen,
Dadaisten, Surrealisten weiterentwickelt und fanden in den Collagen von Kurt Schwitters ihre
extremste Form. In der zweiten Aufbruchphase der Kunst, in den späten 50er und beginnenden 60er Jahren, werden diese
experimentellen Tendenzen in neue Dimensionen geführt. Der Materialreiz bewegte viele Künstler. Jean Fautrier und
Jean Dubuffet beispielsweise arbeiteten mit reliefartiger Farbmasse, Alberto Burri und Antonio Täpies mit groben,
zerfransten Stoff-Fetzen, Yves Klein integrierte Schwämme in seine Bilder, und Lucio Fontana schlitzte Leinwände auf.
Die Decollage mit ihren vielen reliefartigen Möglichkeiten
wurde erschlossen. Die Zero-Gruppe verfolgte die energetischen Beziehungen zwischen Licht, Bewegung und
Schattenklängen. In den späten sechziger Jahren entdeckt die „Arte Povera" triviale, meist unbeachtete Materialien als
selbständige Objekte. Durch Neuzuweisung in andere Zusammenhänge erfahren sie eine Wandlung in Erscheinung
und Wertigkeit. Auch das industriell vorgefertigte Papier wurde nun als neues und eigenständiges Medium erforscht.
Zu Ende der 60er Jahre werden natürliche, alltägliche Prozesse zur Kunst erhoben wie wandernde Schatten auf Papier,
wachsendes Gras in Papier, schimmelndes oder verwesendes Papier: in Wasser, Luft oder Erde. Form und Aussehen des
Papiers wurde auch mechanisch oder termisch beeinflußt.
Papier wurde gebogen, geknickt, geknüllt oder geritzt, gepreßt oder zersägt oder sogar verbrannt. Diese Art mit
bereits fertigem Papier zu arbeiten ist die typisch „europäische"
Papierkunst:
Mit Papierkunst bezeichnet man aber auch die um 1965 in den USA „erfundene" Art, mit Papierfaserstoff Bilder zu
malen, Objekte' zu formen, Reliefs zu gießen. In den USA entwickelte sich also eine in- Herstellung, Materialität und Ausdrucksweise ganz unterschiedliche Papierkunst. Hier
erlebte zunächst das Handwerk des Papiermachens eine Renaissance durch Dard Hunter (1883-1966) und Douglass
Morse Howell (geh. 1906). Die ersten Künstler, die handgeschöpfte, oft auch „mißlungene" Papiere von Howell als
Malgrund verwendeten und als gleichwertig neben der Leinwand werteten, waren so berühmte Künstler wie Jackson
Pollok, Willem de Kooning und Robert Motherwell. Auch in der Druckgraphik wurde mehr und mehr handgeschöpftes
Papier bevorzugt; die Eigenqualität des Papiers wurde entdeckt. Das erste Lehrinstitut für Papiermacherei in den USA
wurde an der Cranbrook Academy in Michigan eingerichtet. Hier lernten Künstler, Papier selbst herzustellen und mit
Papierfaserstoff zu malen.
Eines der bedeutendsten experimentellen druckgraphischen Zentren unserer Zeit und das berühmteste Studio für die
Herstellung von Kunst mit Papierstoff ist Tyler Graphics in Mount Kisco, New York. Wichtigste Künstler schufen hier,
wo die technischen Voraussetzungen vorhanden sind, wo
umfassendes Wissen und Können sowie die Freude an Innovativem das Arbeitsklima prägen, bedeutende Kunstwerke.
Tyler arbeitete mit Josef Albers, Anthony Caro, Ron Davis, Richard Hamilton, David Hockney, Paul Jenkins, Ellworth
Kelly Roy Lichtenstein, Robert. Motherwell, Kenneth Noland, Claes Oldenburg, Janies-Rosenquist, Alan-Shields
und Frank Stella zusammen. Diese Künstler sind es auch gewesen, die die neue revolutionäre Art der Papierkunst
bekannt und populär machten und ihr einen Stellenwert innerhalb der Kunst gaben. Experimentierfreudig und
begeistert von den neuen Möglichkeiten im Medium Papier sind viele Künstler auf der Welt. In fast allen Ländern arbeiten
Künstler seit den 70er Jahren mit Papierstoff. Ausstellungen, Konferenzen und Vereinigungen bringen Papierkünstler
zusammen. Mitteilungsblätter und Bulletins informieren über neueste Ergebnisse der Forschung, der Technik, der
Kunst.
Nach Europa kam die Papierkunst aus Faserstoff erst nach haltig 1980/81. Die Welle der
Studiogründungen, die seit den 60er Jahren in den USA zu beobachten war, hatte nun
Europa erfaßt. Die für Europa wichtigste Vereinigung von Papierkünstlern ist die IAPMA (International Association of
Hand Papermakers and Paper Artists). Sie wurde 1986 in Düren am Vorabend der Eröffnung der 1. Internationalen
Biennale der Papierkunst gegründet. Heute vereinigen sich hier etwa 400 Künstler aus 38 Ländern. Hiltrud Schäfer ist
Mitglied der IAPMA. Die internationalen Kontakte, die sie vor allem auf den jährlichen IAPMA-Kongressen in
Barcelona, Reno/USA, Basel, Budapest oder demnächst in
Kanada und Japan erhält, sind nicht zu unterschätzen.
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