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...werfen Fragen auf nach einem Kontext, der die Kunst des 20. Jahrhunderts vielfach mitgeprägt hat: die Benutzung von
Printmedien in Kunstzusammenhängen. Als Massenware aus dem Alltag fanden Zeitungsseiten Einzug nicht nur in die kubistischen Collagen von
Picasso und Braque, sondern auch in die Montagebilder der Dadaisten. Künstler wie Kurt Schwitters bedienten sich der freien collagierenden
Bildgestaltung und klebten Zeitungen und Zeitschriften als Synonyme für die Massenzivilisation und für das Daseinsgefühl im Großstadtleben
jener Zeit in ihre Kunstwerke.
Nach dem Weltkrieg lenkt die Kunst des Nouveau Réalisme sowie der Concept Art und der Pop-Bewegung mittels der Einbeziehung von
Printmedien den Blick des Betrachters auf die Wirklichkeit. In Andy Warhols
Gemälden und Siebdrucken beispielsweise erscheinen Zeitungsfotos von
Katastrophen im Alltag samt Erscheinungsdatum und der Nummer der Ausgabe. Zeitungen gaben Warhols Kunstwerken den Nimbus eines
unverbrüchlichen Zeugnisses der Realität.
Dermaßen kontinuierlich und ausschließlich wie Hans Jürgen Simon arbeiten heute allerdings nur wenige Künstler auf europäischer oder
internationaler Ebene mit dem Basismaterial Zeitung. Beispielsweise der Belgier Denmark, der die Print-Medien allerdings wörtlich nimmt
und kommunikationsbrechend „unter Druck" setzt. „Die Pressung der Presse, die jeden Tag angefüllt ist mit soviel Unsinn, dient der Befreiung
von dem enormen Druck in unseren Köpfen", stellt Denmark fest.
Auch der in Paris lebende Koreaner Kim Chun Hwan arbeitet wie Hans Jürgen Simon mit Remittenden. Allerdings verwendet er das
Material nahezu ausschließlich ornamental oder formal, installations-
oder objektbezogen.
Simon geht allerdings einen entscheidenden Schritt weiter. Ihm geht es nicht um die Inhalte, Bedingungen oder Implikatoren des Mediums
Zeitung, sondern die Gestaltmerkmale des industriell Genormten sind es, die ihn als Künstler interessieren. Das bei industriellen Fertigungen
massenhaft sich Wiederholende, das Serielle sind die eigentlichen Katalysatoren der Kunst von Hans Jürgen Simon. Bei Simon wird das
Massenmedium Zeitung über Deformations- und Transformatìons-
prozesse zum Metamedium Kunst.
Im künstlerisch-dekonstruktiven Umgang mit den Printmedien, in der Umwandlung des Bekannten zum Unbekannten, hebt Simon die
eigentlichen Sinnbezüge der medialen Realitätserfahrung vollständig auf.
Headline, Bild und Text signalisieren schließlich keine gewohnte Medienästhetik mehr, sondern die Einheit des medialen Gestaltbildes wird im
künstlerischen Prozess zugunsten einer neuen Sinngebung aufgehoben.
In der künstlerischen Neukonstruktion erscheinen die medialen Typografien und Pressebilder nunmehr zwar inhaltlich unzusammenhängend
als offene grafische Texturen, aber die einstigen Informationen werden zugleich zu ambivalenten Signalen, die die Oberflächen der Objekte
und Installationen abstrakt mustern. Die Kommunikationsstruktur des industriellen Ausgangsprodukts Zeitung aber wird mehr oder weniger
verschlüsselt bewahrt. Sie ist camouflierte Spur.
Durch die Transformation und Neuorganisation hat sich eine Vermischung von konkretem Sprach- und Bildmaterial vollzogen. Buchstaben
und Bildfragmente werden zum reinen Bildwert und entfalten sich als neue poetische Sinngefüge. Damit steht Hans Jürgen Simons Kunst
nicht nur der Kunstform „Arte Povera" nahe - zumal er mit trivialem und allgemein verfügbarem Material arbeitet- sondern auch der
Kunstrichtung der „Konkreten Poesie", einer Synthese aus Text-, Laut- und Bildsprache, deren bekannteste Vertreter auf dem Gebiet der
bildenden Kunst Kurt Schvvitters, Jirí Kolàr und Dieter Roth und in der
Literatur Ernst Jandl sind.
Simons Technik der Materialbearbeitung auf der Basis von Kunstharz ist in ihrem experimentellen Ansatz zwar spielerisch, in der Ausführung
aber handwerklich äußerst sorgfältig und präzise. Der Künstler
kombiniert seine Papierarbeiten dabei auch mit anderen Materialien, beispielsweise mit Blei. Aus der Auseinandersetzung mit dem sich aus
dem Produktionsprozess ergebenen Schichtungen seines Ausgangsmaterials resultiert - aus Pressungen und Verklammerungen heraus -
ein Modul mit reliefartigen Formen, das sich durch die gesamte Gestaltung des Oeuvres zieht.
Simons klare und reduzierte Formsprache bezieht sich ausschließlich auf dreidimensionale Arbeiten - Wand-, Boden- oder Raumobjekte.
Die Materialcharakteristik der Arbeiten weist subtile, tastbare Qualitä
ten auf. Vordergründig dynamische und kraftvolle Passagen von erdenschwerer Materialität wechseln mit anmutigen, zartfiligranen
und schwingenden Linien. Und nicht selten irritiert der Künstler den Betrachter durch eine
geringfügige Formänderung. Simon nutzt die Materialwirkung seines Ausgangsmaterials konsequent, um ihre Möglichkeiten für
seine Kunst auszuloten. So knüllt er beispielsweise die Seiten von Hochglanzmagazinen zusammen und reiht die Papierknäule eng
aneinander, um nicht nur verblüffende Farbwirkungen, sondern auch Materialirritationen zu erzielen. Aufgrund der standardisierten Farben
der Industriekultur wirken die Hochglanzpapiere durch diesen
„Kunstgriff" wie lackierte' Bleche oder Aluminiumplatten. Überhaupt, der Eigenfarbigkeit seiner Ausgangsmaterialien hat Simon - außer dass
er sie in Kunstharz getränkt hat - nichts hinzugefügt.
Phantasie, Ausdruckskraft und visueller Ideenreichtum sind die wesentlichen Kriterien, die Simons Kunst hervorgebracht haben. Simons
Arbeiten sprechen den Betrachter durch ihre vielfältigen Wechselwirkungen an. Ruhe und Bewegung kontrastieren spannungsvoll. In der
Tektonik und Strukturierung seiner Oberflächen nimmt Simons Werk auf die großen Metaphern der Natur Bezug - auf geologische Prozesse
der Verwitterung, Erosion und Sedimentation, auf das Formenspiel im
Rhythmus der Elemente von Wasser und Wind und auf das belebende Spiel von Licht und Schatten. Die durch den Produktionsprozess von
Zeitungen vorgegebenen Schichtungen und Symmetrien - Simon überführt sie oftmals nur geringfügig verändert in die Kunstform -,
erinnern an natürliche Geometrien und Symmetrien, an die Wellenbewegungen des Wassers beispielsweise oder an Schichtungen im
Gestein und an die Jahresringe der Bäume.
Oft entstehen so ganz spezielle, einzig für eine Ausstellung entworfene
Installationen. Indem sie in spannungsvoller Interaktion von künstlichen
und natürlichen Lichtverhältnissen weit in den Raum hinein wirken, entfalten die Kunstwerke von Hans Jürgen Simon eine besondere
atmosphärische Präsenz, sinnliche Wirkung und Strahlkraft, die nicht zuletzt auf Verwandtschaft der Arbeiten des Künstlers zu
architektonischen Gestaltungsprinzipien und Gestaltformen zurückzuführen sind.
Denn Simons Klarheit der Komposition spricht zugleich eine präzise und moderne abstrakte Architektursprache.
André Lindhorst, Kunsthalle Dominikanerkirche Osnabrück
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