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Ob verbal, visuell oder akustisch, ob real oder virtuell, so vielfältig waren die
Medien noch zu keiner Zeit. Zwischen Lust und Last bewegen sich die
Reflektionen jedes Einzelnen - je nach Erlebnishorizont - bezogen auf die unendlichen
Möglichkeiten der Informationsbeschaffung. Wie stark der Grad der Begeisterung
respektive der Distanz auch immer ausfällt, wir kommen an der Tatsache nicht
vorbei, dass die Medien als Informationsvermittler allgegenwärtig, immer
verfügbar, gewünscht oder störend die Wahrnehmung unserer Umwelt in immer
stärkerem Maße beeinflussen. Dass dabei die Halbwertzeit der Informationen
schrumpft, scheint zwangsläufig und systemimmanent zu sein. Fernsehen und
Internet haben unsere Sehgewohnheiten so verändert, dass Zeitungen, Zeitschriften und Magazine in ihrer Optik neu überdacht und nach den Regeln
der schnellen Wahrnehmung umgestaltet wurden. Zu fast jedem Thema gibt es
inzwischen ein Medium, sodass ohne Übertreibung von Informationsflut gesprochen werden kann. Immer größer werden die Anstrengungen der Verlage,
um sich in der Vielfalt der Medien und Informationen zu profilieren. Der Reiz und
die Faszination der neuen Medien hat zu Irritationen über die Bedeutung der
Printmedien geführt. Fakt scheint zum gegenwärtigen Stand der Diskussion zu
sein, dass sich die Medien nicht ersetzen, sondern weiter auf einem eingependelten Niveau nebeneinander bedeutend sind.
Hans Jürgen Simon kann das nur recht sein. Sein Material sind Remittenden,
jene Printmedien, die den Weg zum Leser nicht gefunden haben und folglich
zurückgeschickt werden, um als Rohmaterial dem Recyclingprozess zugeführt
zu werden. Unter Remission versteht man in der Verlagswelt heutzutage das
Zurücksenden von beschädigten, fehlerhaften, nicht verkauften Büchern,
Zeitungen, Zeitschriften, Magazinen an die Pressegrossisten. Bei der Vielzahl der
unterschiedlichen Printmedien ist das der schier unerschöpfliche Fundus, aus
dem Hans Jürgen Simon schöpfen kann.
Von der Tageszeitung bis zum Hochglanzmagazin reicht die Palette. Die tägliche
Bestimmung der Printmedien ist, gelesen zu werden. Haben sie ihren Zweck
erfüllt, werden sie je nach Temperament gefaltet, zerknüllt, gepresst, gestapelt
und dann entsorgt. Wer interessiert sich schon für Material, Form und Farbe.
Wir sind daran gewöhnt, die Printmedien zu konsumieren, wie sie nun mal sind.
Als Instrument, um Informationen für uns zu „transportieren" und damit jeden
Tag erneut sichtbar zu machen. Nur wenige nehmen diese Medien und den täglichen Umgang mit ihnen als ästhetischen Prozess wahr.
Ganz anders Hans Jürgen Simon. Für ihn sind gerade jene Eigenschaften eines
Printmediums von Bedeutung, die der konsumierende Leser als selbstverständlich
voraussetzt. Material, Form und Farbigkeit sind die Bausteine seiner akribischen
Kompositionen. Er entlockt dem täglichen, achtlosen und gewohnten Umgang
mit den Printmedien Reize, die so bisher verborgen blieben. Falten, Stapeln,
Umschlagen, Aufschlagen, Knicken, Falzen, Zusammenlegen, Zerknittern, Kräuseln,
Verschränken, Einreihen, Knüllen, ganz normale Aktivitäten, deren jeweilige
Dynamik in der Aktion unbewusst bleibt. Sie sind - jeweils für sich genommen -
die ganz individuelle Reflektion jedes Einzelnen auf die stetig steigende Flut der
Information. Jeder Aktivität lassen sich unterschiedlichste Emotionen zuordnen.
Jeder Umgang ist auch ein Ausdruck für die Bedeutung, die der Einzelne den
aufbereiteten Informationen beimisst.
Hans Jürgen Simon fokussiert die Aktivitäten, reduziert und konserviert. So
werden sie dem schnellen Handeln entzogen und bewirken Verhaltensweisen,
die der gewohnten Wahrnehmung entgegengesetzt wirken. Innehalten, Atem holen, entspannen, besinnen, beruhigen - wie von selbst vollzieht sich diese
Umkehr, wenn man sich auf die „eingefrorenen" Handlungsabläufe einlässt.
„Arbeiten mit Printmedien" nennt Hans Jürgen Simon bescheiden seine Reliefs
und bezeichnet damit sowohl die Tätigkeit als auch das Ergebnis. Spontan und
ohne langes Kalkül, jedoch in hoher Perfektion und mit Liebe zum Detail
entstehen die kraftvollen Verformungen. Verformungen im doppelten Sinne.
Jedes Printmedium muss sich im Kampf um die Aufmerksamkeit behaupten.
Gestalt, Aussehen und Inhalt bestimmen die Attraktivität in der medial entfachten
Reizflut und erfordern eine ganz bestimmte Materialität. Hans Jürgen Simon spürt
die Unterschiede in der Form, in der Papierqualität, in der Verarbeitung auf. Das
sind die feinen „Zwischentöne",'die er dem Papier entlockt, das durch seine
Verformung eine völlig neue Gestalt annimmt und eine Ästhetik gewinnt, die die
gewohnten Seh- und Nutzungsgewohnheiten durchbricht. Rätselhaft bleibt die
Information des verformten Printmediums, die sich in Windungen, Wendungen,
Drehungen und Schichtungen verborgen hält und nicht mehr preisgegeben werden kann. Im wahrsten Sinne des Wortes deformiert, ist eine Information nun
nicht mehr möglich. Zu wissen, es ist die WELT, die BUNTE, die ZEIT, MAX oder
welches Medium auch immer, ist das Insiderwissen des Betrachters. Es bleibt
ganz allein ihm überlassen, wie er dieses Wissen nutzt.
Hans Jürgen Simon gibt ihm dabei keinerlei Hilfestellung. Er chiffriert seine
Arbeiten nicht durch bedeutungsschwere Titel. Botschaften und Informationen
bleiben wie in einem Kokon verborgen, ohne die Chance, sie zu entschlüsseln.
Durch seine Verformung entstehen abstrakte Linien, Flächen, Strukturen mit einem
ganz eigenen inneren Klang, befreit vom zweckmäßig Praktischen. Jeder
Betrachter hat jedoch die Freiheit - vor seinem individuellen Erlebnishorizont -
ganz unterschiedliche Assoziationsketten zu knüpfen.
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