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Timm Ulrichs: 
Zu Richard Wakes "Raumkonstruktion"


Konstruktion im Raum, 1980 (Modell) 

Baukörper und Körperbauten: Zu Richard Wakes "Raumkonstruktion" in der Galerie Falazik, Neuenkirchen, Mai 1980

Als Katharina II. 1787 die Krim bereiste, konnte sie Ortschaften besichtigen, die später als "Potemkinsche Dörfer" zum Begriff wurden: Schein-Architekturen nämlich, die ihr Fürst Grigorij Alexandrowitsch Potemkin erbauen ließ; versetzbare Häuser, von Statisten bevölkert, die ein Leben vortäuschten, das so lebhaft in diesen Gegenden denn doch nicht herrschte. Was an diesem Sachverhalt überrascht, ist, daß hier Theater-Praxis unmittelbar auf sozusagen unkünstlerische Lebenssituationen angewandt wurde; und, weil unerwartet, konnte dies Ablenkungs- und 
Täuschungsmanöver "blendender" gelingen als ein rechter Theater-Coup. Mittlerweile sind diese Kunstgriffe der Theaterbühne - Soffitten, Prospekte, Rundhorizonte - in den großen Filmstudios perfektioniert worden; wahre Geisterstädte entstehen derartig, Illusionsräume, die einen "lebensechten" und "wirklichkeitsnahen" schönen Schein vorspielen und vorspiegeln sollen. 
Wer allerdings hinter diese auf im Wortsinne einseitigen Fassaden blickt, wer die Rückseiten dieser Attrappen in Augenschein nimmt, wird den Schein schnell als leeren, die Tatsachen als falsche entlarven. Die Schau- und "Schokoladen"-Seiten kontrastieren ähnlich scharf mit ihren Kehrseiten wie illusionistische Gemälde oder Plakatwände mit ihren Keilrahmen-Bildträgern und den skletthaft-nackten tragenden Gerüsten. (Und schön sonnenbeschienen und ausgeleuchtet ist auch lediglich nur die erd-zugewandte Seite des Mondes!) Als eigentliche Architekturen hat man solche mit Verblendungen und Blendwerk arbeitenden Kulissen-Konstruktionen allerdings nie so ganz begreifen wollen, aber weniger dieser Täuschungsabsichten wegen, sondern weil nur das Festgemauerte und Betonierte, das Wohlbegründete und Standfeste ("My home is my castle"), nicht aber das Labile und Ephemere diesem Begriff zu genügen scheint; das Provisorische und Mobile, das Veränder- und Revidierbare - das doch in den Glaspalästen des 19. Jahrhunderts und in den Fertigbauweisen unserer Tage zu grandiosen Möglichkeitsformen sich steigerte - hat sich nicht, wie man erwarten mochte, durchgesetzt - es bleibt mehr oder weniger beschränkt auf Ausstellungs-Architekturen, Modell-Bauten, Demonstrations- Vorhaben. Dabei sind solche Gerüstbauten und Baugerüste den dahinterliegenden Mauerwerken oft genug vorzuziehen; ja, man kann sogar fragen, "ob der Efeu für die Mauer oder die Mauer für den Efeu geschaffen ist" (Andre Breton, "Der Surrealismus und die Malerei").
Richard Wakes der Galerie angepaßt- angemessene "Raumkonstruktion" ist ebenfalls ein "Schau-Raum", aber einer ohne jeden doppelten Boden, ohne die zwei "Gesichter" und Ansichten der Guckkastenbühne oder der Jahrmarktstände, kein "trojanischer" Raum sozusagen. Den vorgegebenen stabilen Ausstellungsraum und -rahmen verändert und realiviert ein transitorisches Environment; Raumkompartimente und -zellen schaffen - als Räume im Raum, als Durchdringungen von Innen- und Außenräumen - eine begehbare, bewohnbare Plastik, einen neuen Erfahrungs-Raum, einen Raum für neue Raum-Empfindungen. Dessen Konstruktion und Material ist denkbar schlicht und einfach, unrepräsentativ und offen: zusammengezimmerte Holzlatten, mit Zeitungspapier bespannt. So "primitiv" etwa hat man in Kriegs- und Krisenzeiten ein notdürftiges Dach über den Kopf sich gesetzt, auf Abruf in Baracken sich eingerichtet und gehaust ohne einen Gedanken an Seßhaftigkeit. Zeitungspapier als Wand-Verkleidung (oder hier gar als Wand selbst) wurde benutzt, solange "bessere" Tapeten noch unerschwinglich waren (mit denen dann diese Zeitungs-Makulaturen wieder kaschiert wurden); "Materialgerechtigkeit" war da eine Tugend der Not. Wake hat das "Altpapier" über 
die Gerüste gespannt (wie man Papierdrachen oder Segel aufzieht) und mit Leim verstrichen und ausgesteift, wodurch es straff und stramm wie die Membran einer Trommel (und ebenso geräuschvoll) geworden ist.
Die eingezogenen Wände haben also nur Wand-Charakter, sind eher Paravents und Wandschirme denn Wände, von einer Leichtigkeit und Versehrbarkeit, wie sie asiatischen Architekturen eignet, Raumeingrenzungen - und begrenzungen wie Zelte, Markisen oder (Regen-) Schirme (die ja ähnlich "synästhetisch" den Regen zum "Klingen" bringen, womit Geborgenheit auch akustisch vermittelt wird). Auch wenn man durch diese Wände hindurchgehen könnte, diese dünnhäutige Leichtbauweise nur optisch Wände stiftet: für das Raumempfinden machen Tapeten schon einen Raum, wie Kleider Leute machen. Der Wakesche Bau-Platz versammelt neben diesen Raumteilern und Trennwänden auf engem Raum verschiedenartige, modellhafte Architekturformen, Treppen und Leitern, Rampen und Zwischenböden, Emporen und Hochsitze. Da kann man sich auf viele Weisen ergehen: man kann sich verstecken und verbergen,- verschanzen und verkriechen; man kann die alte einheitliche Fußboden- Ebene verlassen und neuen Boden unter den Füßen gewinnen; man kann sich unsichtbar machen oder sich sichtbar demonstrieren. Derartig einen Platz architektonisch zu beanspruchen, ein Revier baulich zu markieren, das hat zu tun mit Spieltrieb und Baulust (wie Kinder sie zeigen, wenn sie sich "Buden" und Höhlen bauen und sie wieder zerstören, um sie neu errichten zu können), aber auch mit einer Ängstlichkeit, die einen horror vacui angesichts eines vermeintlich zu leeren Leerraums mindert durch kleinteilige Einbauten. So sind auch diese Gänge und Räume doppel-deutig: Schutzhütte und Käfig, Wohnung und Pferch, Laufsteg und Laufstall zugleich. Zumal die Hochsitze, wie Wake sie schon 
mehrere Male errichtet hat, sind in dieser Beziehung typisch: einerseits fungieren sie als Fluchtpunkt und Schutzort (wie man sie von Baumhäusern und Pfahlbauten, Fluchtburgen und schließlich der Arche Noah her kennt), andererseits sind sie Ausguck und Tribüne, der Hochstand des Jägers oder des goetheschen "Türmers" und Sehers, der seinen überblick genießt und aus der Vogelperspektive herabsieht auf die ins Labyrinth "Vergatterten", die nur aus der Froschperspektive zu ihm aufblicken können. Das Gefühl der Sicherheit paart sich mit dem "erhebenden" Gefühl dessen, der im Besitz eines hochgelegen-überlegenen Standpunktes und Horizonts sich weiß. Der hohe Sitz, der.Thron, war schon immer etwas Auszeichnendes für denjenigen, der sich aus der Menge herausheben, der seine Größe und seinen Führungsanspruch hervorragend veranschaulichen wollte. (Und die Selbsterhebung des so Hochgestellten bedient sich denn auch gern einer gleichfalls gestelzten, hierarchische Ordnung suggerierenden Sprache.) Charlie Chaplin und Jack Oakie etwa liefern sich im "Großen Diktator" (1940) einen bezeichnenden "Stellungskrieg", indem sie ihre (Friseur-)Sitze immer höher schrauben, bis unter die Decke des Raumes: Jeder will höher hinaus als der andere! - Bühne und Versteck, Unterstand und Hochsitz, Unterbau und überbau: Richard Wake definiert und dekliniert auf vielseitige und vielschichtige Weise Gestaltung und Auffassung von Raum, von Innenraum und Außenraum, in uns und um uns herum. Der menschliche Körperbau - innen der harte Kern des Knochengerüsts, außen das weiche Fleisch - braucht ja und schafft sich gern harte Schalen und Baukörper; die niederen Tiere, die - 
umgekehrt - außen einen harten Panzer oder ein festes Gehäuse besitzen, tragen ihre Behausung gleich mit sich herum. Die Wakeschen Raumformen sind beides: primär-körpernah und künstlich-konstruiert in 
gleicher Weise; eng anliegender "Raum-Anzug" und Mantel, Verpuppungsform und Wabe und Nest, aber auch Überspielung körperlicher Enge durch mannigfache übergansformen von Innen- und Außenraum, Erweiterungen von Haut in Kleidung, in Architektur und Umwelt. Dieser (eher psychische denn physische) Bewußtseins- und Erlebnis-Raum reduziert sich experimentell auf die Situation des kafkaschen "Bau"-Bewohners (auf den ihr Erbauer sich auch beruft) und auf die des (noch oder schon wieder) halben Nomaden, der sich in seinen Architekturen noch nicht endgültig festgesetzt hat. Zwischen Klaustrophobie und Agoraphobie, zwischen Verbergung und Geborgenheit, sind viele mentale Raumerfahrungen möglich; vielleicht wird man sich in diesem Bau, in diesen Bauten daran erinnern, daß es uns als Kindern genügte, unter die Tische zu kriechen und uns dort einzurichten, um, unter den Tischdecken-Vorhängen hervorlugend, die Welt der Erwachsenen aus einer "Perspektive" wahrzunehmen, der jene sich schon entwachsen glaubten.
 
 


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