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Eindeutig, sagt Antje Wiewinner, sollen ihre Objekte sein. Deswegen baut sie klare keramische Körper, deren Kanten und Flächen
augenscheinlich exakten Bogen- und Winkelmaßen gehorchen. Als »in sich
ruhende, statische, massiv körperlich anwesende« Gegenstände, so die von der Künstlerin erstrebte Wirkung, stehen sie dem Betrachter
gegenüber. Im spannungsreichen Widerspruch zu solcher passiven Ruhe unterläuft die im Detail gleichfalls meßbar strenge
Binnengliederungder Objekte das Statische: die »in sich ruhenden« Objekte werden
belebt und charakterisiert von graphischen oder plastischen Gliederungselementen. Antje Wiewinner stellt der buntbewegten, an optischen
Reizen übervollen Realität Objekte disziplinierter Form und gezügelter
Bewegung entgegen - keine weltfremde, sondern eine auf die allgegenwärtige Reizfülle zuchtvoll reagierende Kunst. Das klingt zwar
nach Askese, doch die visuell und hoptisch erlebbore Sinnlichkeit dieser Keramiken behauptet sich: es ist eine Lust, die Objekte anzusehen
und abzutasten. - In ihrer Osnabrücker Werkstatt (Iburger Straße 81, hier arbeitet sie seit 1981)
reihen sich in den Regalen Beispiele für
Wiewinners Werkphasen der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte: einiges Gebrauchsgeschirr, Helme, Segelobjekte,
Treppenarchitekturen, Tore, Türme, würfelartige Arenen, schließlich als jüngste Stufe
schalenartige Torsi weiblicher Körper. Alle Phasen, die sich zeitlich überschneidend entwickelt haben (und weiterhin entwickelnd »gehören
als Einheit zusammen«, als das nicht teilbare Werk einer Künstlerin, die
auf dem Recht besteht, sich zu wandeln. - Basis der gestalterischen Disziplin sind handwerkliches Können und sicheres Formgefühl. Davon
zeugen schon die voluminösen, aus zwei auf der Scheibe gedrehten Teilen zu nahtlos einheitlichen Gebilden montierten Doppelwandgefäße der achtziger Jahre. Aus ebenfalls gedrehten Werkstücken (im
lederhart getrockneten Zustand] ausgeschnittene, von streng linearen Einritzungen, von Einkerbungen und Durchbrüchen akzentuierte
Schalen fügt die Künstlerin zu Helmen und Segelobjekten zusammen. Aus Platten baut sie die keramischen Architekturen auf. Ihr Material:
Schamottiertes Steinzeug, gebrannt bei 1230 Grad Celsius in reduzierender Atmosphäre im Gasofen. Ironisch distanziert sie sich
mittlerweile von den »Glasur-Glanzstücken« der Gefäße. Weder Glasur noch
Engobe überziehen als ästhetisch sensible Haut die jüngeren Arbeiten.
Deren aschedunkel geflammte Oberfläche bildet sich beim Brennprozeß in sägemehlgefüllten Brennkapseln (aus Papier von Illustrierten
beispielsweise, ein Spiel mit dem schwer Kalkulierbaren. - Aber nicht allein auf der Basis von Hondwerklichkeit und gestalterischer Klarheit
stehen die Architektur-Objekte der Künstlerin, sondern obendrein auf dem
Fundament sehr alter Grundmuster. »Mir wird immer unwohl«, beteuert sie zwar, sobald ihr Publikum nahezu zwangsläufig von Mexiko und
Ahnlichem angesichts ihrer Treppentürme und Torobjekte spricht. Doch abwegig sind derartige Assoziationen keineswegs, denn in
mittelamerikanischen Stufenpyramiden und babylonischen Torgebäuden sind unousweichlich selbst für Antje Wiewinner gestalterische Modelle
vorgebildet, die ohnehin allgegenwärtig bleiben. Vorbilder im engeren
Sinne sind diese Modelle für die Keramikerin nicht, doch sichern sie den
sehr individuellen Gestaltungsvarianten der Künstlerin einen kulturellen
Traditionsboden. Die eigenständige Leistung der Osnabrückerin läßt sich am unverwechselbaren gestalterischen Zugriff messen, der sich
eher unbewußt als gezielt historischer Muster bedient, um freie (von Kult und Herrschaftssymbolik befreite, Kunstobjekte zu schaffen, deren
»in sich ruhende« Geschlossenheit selbst die Flammenzeichen aus der Brennkapsel kaum anzutasten vermögen. - Und schließlich seit 1996)
gibt es doch einen Gegenpol zu den vollkommenen, den meßbaren voluminösen Objekten: die handgroßen Torsi, künstlerisches Neuland
für die Keramikerin. Keine verführerischen weiblichen Körper, lediglich
ihnen abgenommene Masken oder Schalen, schwarzgebrannt, defor-
miert, zerrissen, an Ständern aufgehängt - so präsentieren historische
Museen kampfzerbeulte Heldenbrustponzer (wieder eine Assoziation, die der Künstlerin Unwohlsein bereiten dürfte. Es sind mehrdeutige
Gebilde, die das von Antje Wiewinner bezeugte Interesse an der menschlichen Gestalt distanziert, geradezu körperscheu künstlerisch
ausformen. Auch für sie gilt, was 1991 Manfred Meinz dem bis damals entstandenen keramischen CEuvre Antje Wiewinners zuerkannte:
eine »ausgewogene Mischung von Disziplin, Sensiblität und Intuition«.
Wendelin Zimmer
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